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Herstellung und Verbreitung von Kinderpornographie im Internet

  • Laufzeit: 11/2009 bis 05/2011
  • Status: abgeschlossen
  • Leiter: Arnd Hüneke
  • MitarbeiterInnen: Christina Gröbmayr, Hauke Kruse, Anja Schubert, Christian Wöller

Forschungshintergrund

Über die Herstellung und Verbreitung von Kinderpornographie ist nur wenig bekannt. Zwar wird überwiegend angenommen, dass der Umgang mit kinderpornographischem Material infolge der durch das Internet eröffneten vielfältigen Möglichkeiten zur schnellen, anonymen Kommunikation weit verbreitet ist. Ob diese Annahme aber tatsächlich zutrifft und welche Wege hierfür konkret genutzt werden, ist weitgehend unbekannt. Auch über die Frage, ob es sich bei dem kinderpornographischen Material überwiegend um Erzeugnisse aus dem privaten Umfeld von Einzeltätern handelt, die zu nicht-kommerziellen Zwecken hergestellt und im Wege des Tausches in Umlauf gebracht werden, oder ob es einen internetbasierten kommerziellen Markt für kinderpornographische Erzeugnisse gibt, der durch arbeitsteiliges Vorgehen und gewerbsmäßige Strukturen gekennzeichnet ist („Kinderpornoindustrie“), gibt es nur Vermutungen. Im Zentrum der ersten Aktivitäten eines im November 2009 gegründeten, unterschiedliche Partner aus Staat und Gesellschaft zusammenführenden Bündnisses gegen Kinderpornographie („White IT“) stand deshalb eine umfassende empirisch-kriminologische Bestands­auf­nahme der tatsächlichen Ausgangsbedingungen für die Entwicklung und Präzisierung der Instrumente gegen die Verbreitung kinderpornographischen Materials. 

Forschungsziele

Das Ziel des Forschungsprojekts war es, über die Herkunft und Verbreitung sowie den Um-gang mit kinderpornographischem Material die verfügbaren Informationen zusammenzutra-gen und systematisch auszuwerten. Ausgehend von einem an den gesetzlichen Bestimmungen orientierten, strafrechtlich-formalen Begriff von „Kinderpornographie“ sollte das verfügbare Material klassifiziert und – soweit möglich – hinsichtlich seiner Herkunft eingeordnet werden.
Die Herstellungs- und Vertriebswege sollten beschrieben und es sollte analysiert werden, welche Bedeutung dem Medium „Internet“ in diesem Zusammenhang zukommt. In den Blick genommen werden sollten aber auch – soweit sie von den Strafverfolgungsbehörden ermittelt wurden – die Anbieter der kinderpornographischen Erzeugnisse, die Abnehmer und – soweit möglich – die ihrem jeweiligen Handeln zugrunde liegenden Motive.
Last but not least war das Handeln von Polizei und Justiz von Interesse; die proaktiven und die reaktiven Verfahrensweisen sollten beschrieben und – mit der gebotenen Vorsicht – hinsichtlich ihrer Effektivität miteinander verglichen werden. 

Methodik

Die Untersuchung gründete sich auf zwei methodische Ansätze. Zum einen wurden leitfadengestützte Interviews mit ausgewählten Personen durchgeführt, die aus ihren beruflichen Zusammenhängen über Expertenwissen über die Herstellung, Verbreitung und Verfolgung von Kinderpornographie verfügten. Interviewt wurden namentlich Fachleute aus dem Bereich der Polizei (Landeskriminalämter und Bundeskriminalamt).
Zum anderen wurden mit standardisierten Erhebungsbögen die Akten von Strafverfahren ausgewertet, die im Jahr 2008 wegen des Verdachts der Verbreitung, des Erwerbs oder des Besitzes kinderpornographischer Schriften nach § 184b StGB a.F. durchgeführt worden waren.
Insoweit wurde über die Endziffer des Aktenzeichens aus dem Aktenbestand der niedersächsischen Zentralsstelle nach Nr. 223 RiStBV in Hannover eine repräsentative Stichprobe von 106 Verfahren gezogen, die gegen 120 Beschuldigte durchgeführt worden waren. Ziel der Aktenauswertung war es, die von den Fachleuten der Polizei in den Interviews geschilderten Strukturen der Herstellung und der Verbreitung von Kinderpornographie zu validieren und zu konkretisieren.

Ergebnisse

Zunächst ist festzuhalten, was die Untersuchung von ihrer Methodik her leisten konnte und was nicht. Die Untersuchung war in der Lage, den Blick der Strafverfolgungsorgane, namentlich der Justiz, auf das untersuchte Phänomen „Kinderpornographie“ abzubilden; sie konnte deutlich machen, um welche Erzeugnisse es aus ihrer Sicht geht und wie diese Erzeugnisse über das Internet verbreitet werden. Für ein Produkt, das legal nicht vertrieben oder erworben werden kann, sind schon diese Erkenntnisse ein Gewinn. Auf der anderen Seite konnte die Untersuchung keinen kriminologischen oder viktimologischen Blick auf die Materie liefern; auf dem Weg der Aktenanalyse ebenso wie mit der Befragung von Polizeibeamten konnten über die Anbieter und die Abnehmer der kinderpornographischen Erzeugnisse, über die ihrem Handeln zugrunde liegenden Motive, aber auch über die Opfer der dargestellten Missbrauchshandlungen oder über den Kontext, in dem die Abbildungen entstanden waren, keine zuverlässigen Aussagen gewonnen werden, teils weil in die Strafakten keine entsprechenden Informationen aufgenommen werden, teils weil auch den Strafverfolgungsorganen selbst der Blick auf die „Produktionsstätten“ von kinderpornographischem Material verschlossen bleibt. Um hierüber Aufschluss zu erhalten, müssen andere methodische Zugänge gewählt werden.

Dies vorausgeschickt konnte die Untersuchung zeigen, dass Strafverfahren in erster Linie wegen des Sichverschaffens oder des Besitzes kinderpornographischer Schriften (§ 184b Abs. 4 Satz 1 oder 2 StGB a.F.) durchgeführt werden. Bei § 184b StGB handelt es sich um ein Kontrolldelikt; die meisten Verfahren werden von Amts wegen eingeleitet, wobei groß angelegte, im internationalen Raum stattfindende Polizeioperationen eine wesentliche Rolle spielen. Wo oder in welchem Kontext das Material hergestellt wird, lässt sich in der Regel nicht ermitteln; Polizeipraktiker nehmen an, dass das Material vielfältige, im engeren Familienkreis ebenso wie im Ausland wurzelnde Quellen hat. Der überwiegende Teil des sichergestellten Materials ist der Praxis aus früheren Verfahren bekannt. Die kinderpornographischen Erzeugnisse werden typischerweise über das Internet verbreitet, hier allerdings nicht nur über das world wide web, sondern auch – und vor allem – über peer to peer-Netzwerke und Tauschbörsen. Es kann postuliert werden – Belege hierfür konnten in der Untersuchung nicht geliefert werden –, dass neues Material zunächst über geschlossene Benutzergruppen verbreitet wird, ehe es allmählich über die verschiedenen Dienste des Internet diffundiert und einem breiter werdenden Kreis von Interessenten zugänglich wird.

Publikationen

  • Arnd Hüneke
    "Das Internet – ein „Milliardenmarkt“ für Kinderpornographie?"
    in: Unimagazin. Zeitschrift der Leibniz Universität Hannover, Ausgabe 1/2 2012, S. 50-52.
  • Bernd-Dieter Meier
    "Kinderpornographie im Internet. Ergebnisse eines Forschungsprojekts" In: Dieter Dölling & Jörg-Martin Jehle (Hrsg.),
    Taten – Täter – Opfer. Grundlagenfragen und aktuelle Probleme der Kriminalität und ihrer Kontrolle. Mönchengladbach: Forum Verlag Godesberg, 2013, S. 374–391.
  • Bernd-Dieter Meier
    "Prävention von Kinderpornografie – eine unlösbare  Aufgabe?" In: Dirk Baier & Thomas Mößle (Hrsg.), Kriminologie ist  Gesellschaftswissenschaft. Festschrift für Christian Pfeiffer, Baden-Baden: Nomos, 2014, S. 467–483.