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I. Vorbemerkungen

1. Ausbildungsziele

weitere Informationen auch auf www.soldanmoot.de

Der Hans Soldan Moot zur Anwaltlichen Berufspraxis (nachfolgend: Hans Soldan Moot) soll ein bundesweites Moot Court Angebot für Studierende deutscher Jurafakultäten darstellen. Er soll anhand eines fiktiven Falls ein deutsches Gerichtsverfahren simulieren und Studierende so mit der forensischen Tätigkeit von Rechtsanwälten vertraut machen. Studierende sollen als Interessenvertreter einen Fall rechtlich analysieren, Beweismittel würdigen und Rechtsmeinungen formulieren. Dabei sollen sie sich auch mit den Gegenargumenten auseinandersetzen und das Gericht schließlich von ihrer Position überzeugen.

Neben juristischen Kenntnissen sollen Studierende dabei auch sog. „Soft-Skills“ wie freie Rede, Argumentationskultur und Teamwork erlernen.

2. Ergänzung vorhandener Angebote

Der Hans Soldan Moot soll eine Ergänzung im Lehrangebot der deutschen Jurafakultäten darstellen.

a.  Vorhandene Angebote
aa.  International

Viele Fakultäten beteiligen sich bereits sehr erfolgreich an internationalen Moot-Court-Wettbewerben. Diese finden in Rechtsgebieten wie dem Völkerrecht (z.B. Jessup Moot, Washington D.C.), der Handelsschiedsgerichtsbarkeit (z.B. Vis Moot, Hongkong und Wien), der Wirtschaftsmediation (z.B. ICC Competition, Paris) oder der Investitionsschiedsgerichtsbarkeit (z.B. FDI Moot, Boston (2012), Frankfurt (2013), Malibu (2014), London (2015)) statt. Sie verlangen von den Studierenden die Beherrschung der englischen (Rechts-)Sprache und einen erheblichen Arbeitseinsatz. Den Fakultäten verlangen sie erhebliche Reise- und Betreuungskosten ab, weshalb sie auch nur einer begrenzten Zahl von regelmäßig hochqualifizierten Studierenden angeboten werden können.

Die Endausscheide aller Wettbewerbe finden über einen mehrtägigen Zeitraum in interessanten Städten statt. Sie bieten so auch ein Forum für Studierende und Praktiker, auch außerhalb der Verhandlungen den Austausch zu suchen und entsprechende Netzwerke und Kontakte aufzubauen. Studierende erhalten so etwa auch Kontakte zu potentiellen Arbeitgebern, was von beiden Seiten sehr geschätzt wird. Große Teile der Anwaltschaft beteiligen sich innerhalb der Woche als „Richter“ oder „Schiedsrichter“ und wirken auch bei der Gestaltung des Rahmenprogramms mit (Konferenzen und Ausrichtung von Abendveranstaltungen für Studierende und Praktiker). Das Rahmenprogramm ist in den Ablauf fest integriert. Die Wettbewerbe sind so auch zu einem kulturellen Phänomen geworden und sind insoweit ein festes Event im Jahreskalender von Anwaltschaft und Universitäten. Anders als bei Veranstaltungen wie dem Anwaltstag, dem Deutschen Juristentag oder wissenschaftlichen Tagungen, die sich vornehmlich an fertige Juristen richten, kommt dabei jedoch auch der juristische Nachwuchs in den Genuss des gegenseitigen Austauschs.

bb.   National
In Deutschland gibt es bisher zwei bundesweite Wettbewerbe. Den Moot Court des Bundesarbeitsgerichts in Erfurt (BAG Moot) und den ELSA Deutschland Moot im Zivilrecht. Zum BAG Moot können Universitäten mehrere Teams (von je zwei Personen) entsenden. Insgesamt werden maximal 32 Teams von 17 Universitäten aufgenommen, die dann einen Tag in Erfurt verhandeln. Der Wettbewerb findet alle zwei Jahre statt und ist nur für Studierende mit Schwerpunktrichtung Arbeitsrecht interessant.

Der ELSA Deutschland Moot behandelt einen Fall aus dem allgemeinen Zivilrecht (BGB). Teams der einzelnen Universitäten (je zwei Personen) können sich über Lokalentscheide zu den Regionalentscheiden (Nord/Süd) qualifizieren. Das Gewinnerteam Nord tritt in einem Finale beim Bundesgerichtshof schließlich gegen das Gewinnerteam Süd an. 

b.      Marktlücke
Aus dem oben Geschilderten ergibt sich folgende Schlussfolgerung:

Es gibt keinen Wettbewerb, der die Tätigkeit eines Anwalts im deutschen Rechtssystem nachbildet, vielen Studierenden die Möglichkeit der Teilnahme eröffnet und als zentral ausgetragener Wettbewerb auch ein Forum zum gegenseitigen Austausch ist. Auch die Anwaltschaft wird bei den bestehenden Wettbewerben kaum einbezogen. Ein groß angelegter Austausch von Studierenden und Anwaltschaft findet nicht statt.

Derzeit beteiligen sich an den deutschen Wettbewerben weniger Universitäten als etwa am Vis Moot in Wien. Da zudem die Teamgrößen bei den deutschen Wettbewerben kleiner sind (zwei Studierende statt ca. sechs), steht die Teilnahme letztlich weniger deutschen Studierenden offen, als bei internationalen Moots.

Studierende, die durch einen Moot Court das deutsche Rechtssystem kennen lernen wollen, haben somit nur wenig Gelegenheit dazu.
Die Teile der Anwaltschaft, die sich an internationalen Moots nicht beteiligen können oder wollen, haben keine Gelegenheit im Rahmen einer Wettbewerbswoche Kontakt zu an der Anwaltstätigkeit interessierten Absolventen zu bekommen. Dies betrifft insbesondere kleinere und mittelständische Kanzleien.

II. Konzept

1. Generelle Ausrichtung

Der Hans Soldan Moot soll:

- Ein reguläres Zivilverfahren vor einem Landgericht nachbilden.

- Schriftliche und mündliche Leistungen zum Gegenstand haben.

Die Ausscheidung soll
- Zunächst an den einzelnen Universitäten erfolgen (Ermittlung der Teams für den Endausscheid).

- Sodann an einem zentralen Austragungsort durch Vorrunden und Finalrunden erfolgen.

Terminlich sollen

- Die Universitätsentscheide von Anfang April bis Anfang Juli (Sommersemester) stattfinden.

- Der Endausscheid Anfang Juli bis Mitte August (Schriftliche Phase) und Mitte September (mündliche Phase) stattfinden. Der Terminplan garantiert, dass der Wettbewerb nicht mit den internationalen Wettbewerben kollidiert, da diese alle im Frühjahr stattfinden.

2. Fall

a. Fallgestaltung
Der Fall soll jeweils ein Anwaltsregress um einen verloren gegangenen Rechtsstreit sein, der zwei voneinander unabhängige Problematiken aufwirft. Dies ermöglicht eine Beteiligung von zwei Studierenden auf jeder Seite, die jeweils die Argumente für eine Problematik darlegen.
Ein Anwaltsregress hat drei wesentliche Vorteile:


- Materiell-rechtlich lässt sich jedes beliebige Problem einflechten, bei dessen Bewältigung der Anwalt falsch beraten haben soll. Hierzu kann auch ein kautelarjuristischer Fall zählen.
- Zugleich lassen sich Problematiken aus Anwaltsvertrag und Berufsrecht einbauen.
- Ein etwaiges durch den Anwalt für den Mandanten geführtes Verfahren lässt sich vollständig in der Fallakte (s.u.) abbilden (inkl. Schriftwechsel, Protokollen, richterlichen Hinweisen, Urteilen)
Unabhängige Problematiken können auf mehrere Arten eingeführt werden:
- Probleme der materiellen Durchsetzung (Verjährung etc.)
- Widerklagen und Aufrechnungen (z.B. mit Honorarforderungen des An-walts)
- Prozessuale Probleme (Prozessvoraussetzungen etc.)
- Antrag auf Prozesskostenhilfe (subjektive Voraussetzungen)

b. Aufmachung
Der Fall sollte wie eine richtige Akte aufgemacht sein.
Dabei ist jedoch zu beachten, dass beide Parteien einen identischen Akten-inhalt erhalten müssen.  Weiterhin sollen keine Zeugenbefragungen simuliert werden.
Die Akte sollte also enthalten:
- Alle Unterlagen des Verfahrens, das nun Gegenstand des Regresses ist
- Klageschrift und Verteidigungsanzeige (ohne Begründungen)
- Verfügungen des Gerichts und Zustellungsurkunden
- Korrespondenzen
- Aktenvermerke der Rechtsanwälte über Besprechungen mit Mandanten (wie in Ausbildungsakten im juristischen Vorbereitungsdienst)
- Protokolle etwaiger nötiger Zeugenvernehmungen (die, da nicht in der Hauptverhandlung eines Moot durchführbar, abweichend von der Reali-tät bereits in der Akte sind).  
Die Akte muss insoweit vollständig sein, als dass die Studierenden später keine Möglichkeit zu weiteren Nachfragen haben.

c. Lösungshinweise
Es ist sind Lösungshinweise zu erstellen. Die Lösungsskizze hat nur Normen und Verweise bzw. Auszüge relevanter Fundstellen zu enthalten. Dabei besteht kein Anspruch auf Vollständigkeit – was in der Lösungsskizze kenntlich zu machen ist.
Das Verbot, frei formulierten Text in die Lösungshinweise aufzunehmen, dient dazu, Korrektoren nicht voreingenommen im Hinblick auf die vermeintliche Überzeugungskraft von Argumenten zu machen. Zudem soll es der Gefahr vorbeugen, dass die Lösungshinweise als einzig richtige Lösung wahrgenommen werden. Es zählt allein, ob effektiv und überzeugend argu-mentiert wird.   
Die Lösungsskizze ist zusammen mit den Schriftsätzen an die Korrektoren der Schriftsätze zu verschicken.
Diejenigen, die Studierende in den mündlichen Verhandlungen bewerten sollen, erhalten die Lösungsskizze nach Abgabe der Beklagtenschriftsätze. Zu diesem Zeitpunkt wird die Lösungsskizze auch an alle Teilnehmer versandt. Dies beugt der Gefahr vor, dass einige Teilnehmer die Lösungsskizze über Dritte erlangen und andere nicht.

3. Universitätsentscheide

Die Universitätsentscheide sollen dazu dienen, diejenigen Studierenden zu bestimmen, die die Universität repräsentieren. Am Ende der Universitätsentscheide müssen ein Klägerteam und ein Beklagtenteam ermittelt werden (je zwei Studierende). Diese treten dann für ihre Universität im Endentscheid an.

Eine Universität kann auch auf die Ausrichtung eines Universitätsentscheides verzichten und nur eine Meldung von Kläger- und Beklagtenteam vornehmen.

Je mehr Teams sich an dem Universitätsentscheid beteiligen, umso mehr Teams kann die Universität zum nationalen Endentscheid senden.

Fallausgabe

Die Universitätsentscheide sollen einen anderen Fall verwenden als der Endentscheid.

Dies hat den Zweck, dass der Fall für den Endentscheid nicht zu ausführlich von den Teams vorbereitet werden soll. Würde man einen identischen Fall verwenden, müsste er über einen sehr hohen Schwierigkeitsgrad verfügen, damit gute und schlechte Teams sich entsprechend voneinander absetzen können.

Der Fall soll Anfang April in den Fakultäten ausgegeben werden.

a. Teams

Die Studierenden müssen sich für die Teilnahme in 2er-Teams bewerben. Es sollen alle Studierenden angenommen werden. Sollte eine Beschränkung der Teilnahme aus Kapazitätsgründen von Nöten sein, ist nach Eingang der Bewerbung zu entscheiden. Die Teams sind von den Organisatoren in Kläger- und Beklagtenteams aufzuteilen.

b. Schriftsätze

Inwieweit bei Universitätsentscheiden eine Schriftsatzphase stattfindet, bleibt diesen vorbehalten.

Die Regeln des Endausscheids gelten entsprechend (s.u.) mit der Maßgabe, dass die Schriftsätze nicht gesondert bewertet werden, sondern als Teil der mündlichen Leistung berücksichtigt werden. Eine Anonymisierung ist nicht nötig.  

c. Mündliche Verhandlungen
Die Regeln des Endausscheids gelten entsprechend (s.u.).

4. Endentscheid

a. Austragungsort
Der Austragungsort soll jährlich wechseln, um möglichst viele Universitäten für den Hans-Soldan-Moot zu gewinnen. Der Endausscheid soll wie folgt organisiert werden:

Donnerstag: Registrierung und Vorabendveranstaltung

Freitag und Samstag: Mündliche Verhandlungen der Vorrunde

Sonntag: Finalrunden und Abschlussveranstaltung

b. Teilnahme
Teilnahmeberechtigt ist jeweils ein Teampaar (Kläger- und ein Beklagtenteam) von jeder deutschen juristischen Fakultät. Soweit sich am Universitätsentscheid mehr als 10 Teampaare beteiligen erhöht sich die Anzahl der Teampaare dieser Universität pro angefangene 10 um die Zahl 1.

Jede Fakultät muss ein Kläger- und ein Beklagtenteam stellen, damit die Chancen auf ein gutes Abschneiden nicht von der Rechtslage des Falls abhängen.

Im Krankheitsfall eines Studierenden ist die Fakultät berechtigt, diesen durch einen Studierenden aus dem anderen Team vertreten zu lassen.

Jede Fakultät darf zwei Betreuer zum Wettbewerb entsenden.

c. Fallausgabe
Die Fallausgabe für den Endausscheid erfolgt direkt nach den Universitätsentscheiden (Anfang Juli).

d. Schriftsatzphase
aa.  Inhalt
Die Studierenden der jeweiligen Klägerteams haben dann drei Wochen Zeit, eine Klageschrift zu bearbeiten. Die Beklagtenteams erhalten unverzüglich nach Eingang der Klageschriften die Klageschrift einer anderen Universität zugelost. Die Beklagtenteams haben sodann drei Wochen Zeit, auf diese zu erwidern.

Zwischen Abgabe der Klageschriften und Endausscheid müssen mindestens drei Wochen liegen.

Die Schriftsätze sind formal wie reale Schriftsätze zu gestalten. Es wird ein Muster ausgegeben.

Beweisantritte durch Zeugen, Parteivernehmungen und Sachverständige sind nicht statthaft.

Ansonsten gelten die Regeln der ZPO.

Der Inhalt der Fallakte kann im Wege des Urkundenbeweises (bzw. Augenschein) verwendet werden. Bestreiten von Tatsachen ist nach den Regeln der ZPO zulässig.

Die Schriftsätze sind nur mit einer vorher durch die Organisatoren ausgegebenen Ident-Nummer zu versehen. Die Namen der Studierenden oder der Universität dürfen ebenso wenig aufgeführt werden wie sonstige individuelle Erkennungszeichen. Dies soll der Gefahr vorbeugen, dass die Reputation der Universität Einfluss auf die Bewertung der Schriftsätze im Wettbewerb hat.  

Eine Seitenbeschränkung der Schriftsätze gibt es nicht. Die Studierenden sind jedoch darauf hinzuweisen, dass überflüssige Ausführungen negativ bewertet werden.

bb. Bewertung
Die Schriftsätze sind an Korrektoren zu versenden, die diese mit 0 bis 18 Punkten zu bewerten haben. Jeder Schriftsatz muss an drei Korrektoren gehen. Korrektoren müssen mindestens vier Schriftsätze erhalten, um bei der Korrektur vergleichen zu können.

Nach Eingang der Korrekturen werden die 20 % der Schriftsätze, die die höchste Punktzahl haben, jeweils gesamt an drei Korrektoren versandt. Diese dürfen nicht an einer Hochschule lehren oder in den letzten drei Jahren gelehrt haben (als Hochschullehrer, Honorarprofessoren oder Lehrbeauftragte), die an dem Wettbewerb teilnimmt. Prämiert werden die Leistungen bei der Abschlussveranstaltung.

Diese sollen die fünf besten Schriftsätze (bester: fünf Punkte; fünfter: einen Punkt) aussortieren. Der Schriftsatz mit den meisten Punkten gewinnt den ersten Platz, der mit den zweitmeisten den zweiten und der mit den drittmeisten den Dritten. Alle anderen aus der Gruppe der 20 % bekommen eine Auszeichnung ohne Platzziffer.

e. Mündliche Verhandlungen
aa.  Inhalt
Die mündlichen Verhandlungen finden vor einem Einzelrichter statt, der selbst nicht an der Bewertung beteiligt ist.

Er hat die Verhandlung so zu leiten, wie es ein richtiger Richter tun würde und nach den Regeln der ZPO – soweit nicht durch die Regeln des Wettbewerbs anderes vorgegeben – vorzugehen.

Beide Schwerpunkte des Falls sollen nacheinander argumentiert werden. Der Richter hat darauf zu achten, die Sprechzeit zwischen den Parteien gerecht aufzuteilen.

Die gesamte Verhandlung darf nicht länger als 60 Min. dauern. Danach haben die Juroren den Raum zu verlassen, während der Richter die Leistung der Studierenden bis zu 15 Min. kommentieren darf. Die Juroren sollen diese Kommentare nicht hören, um nicht beeinflusst zu werden.

Betreuer von Teams oder Professoren einer teilnehmenden Universität dürfen nicht Juror sein.

bb.  Bewertung
Die Bewertung erfolgt durch zwei Juroren (Finalrunden: drei), die nicht in die Verhandlung eingreifen dürfen. Die Juroren dürfen sich mit dem Einzelrichter nicht über die Bewertung unterhalten.

Jeder Juror gibt eine Bewertung für jeden Studierenden individuell sowie für das Team als solches (beschränkt auf die Kriterien Teamwork und Harmonie als Team) ab.

Alle Einzelnoten müssen zwischen 0 bis 18 Punkten liegen.

Die acht Universitäten, die am Ende der Vorrunde die meisten Punkte haben, ziehen in die Finalrunden ein.

Alle Universitäten, die in die Finalrunde einziehen, bekommen eine Auszeichnung.

f. Auszeichnungen
Bei dem Abschlussempfang ausgezeichnet werden:

(a) Bester Klägerschriftsatz; (b) Bester Beklagtenschriftsatz; (c) Beste mündliche Leistung in der Vorrunde, (d) Sieg im Finale.