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Marianne Weber, geb. Schnitger (1870-1954)

Das bisher bedeutendste deutschsprachige Werk zur Rechtsgeschichte der Frauen stammt aus der Feder Marianne Webers. Ihre umfangreiche Übersicht über „Ehefrau und Mutter in der Rechtsentwicklung“ (1907) ist bis heute unübertroffen. Sie gilt damit als die erste namhafte deutsche Rechtshistorikerin (Borchert, HRG V, Sp. 1168). Man tut der vielschichtigen und u.a. für die Reform und heutige Gestaltung des ehelichen Güterrechts richtungweisenden Persönlichkeit Marianne Webers unrecht, wenn man sie, eine gemäßigte, aber unabhängige Linksliberale, als konservativen Einflußfaktor in der Frauenpolitik charakterisiert oder als Ehefrau des Sozialwissenschaftlers Max Weber vorstellt.

Sie entstammte einer Familie westfälischer Leinenfabrikanten und Kaufleute. Ihre Mutter starb 23jährig bei der Geburt des zweiten Kindes. Ihr Vater, ein Arzt, war in der Folgezeit wegen depressiver Stimmungen nicht in der Lage, seine Tochter zu erziehen, so daß sie bei Verwandten in Lemgo und in einem Internat in Hannover aufwuchs. Ihre Jugend war von intellektueller Unterforderung geprägt.

1892 kam sie zur Berufsausbildung zu Verwandten nach Berlin. Dort lernte sie den nachmals bekannten Sozialwissenschaftler Max Weber (1864-1920) kennen, einen Enkel ihrer Urgroßeltern. Marianne und Max Weber heirateten am 20.9.1893. Die – kinderlos bleibende - Ehe wird als Gefährtenehe und als gleichberechtigte Idealbeziehung zweier hochbegabter Intellektueller beschrieben, die sich gegenseitig auf vielfältige Weise förderten. Nicht zuletzt erregten sie mit diesem damals unkonventionellen Lebensstil Anstoß, der bis zu persönlich beleidigenden Beschimpfungen Max Webers führte (so z.B. durch den Philosophieprofessor Arnold Ruge, der die Frauenbewegung als Ansammlung von „alten Mädchen, sterilen Frauen, Witwen und Jüdinnen“ bezeichnete, was Max Weber zu einem Prozeß gegen Ruge veranlaßte, es kam in diesem Zusammenhang gar zu einer Duellforderung).

Bald nach der Eheschließung nahm Marianne Weber umfangreiche Studien in Philosophie und Kulturgeschichte auf und suchte schon bald – auch darin von Max Weber unterstützt – den Kontakt zur Frauenbewegung. Um 1898 entwarf Marianne Weber die Rechtsgeschichte der Frauen als eigenständiges Forschungsziel. Ergebnis ihrer Forschungen sind neben der Monographie von 1907 – diese deckte universalgeschichtlich den Zeitraum von Frühgesellschaft und Antike bis zum 20. Jahrhundert ab - zahlreiche rechtshistorische Bezüge in weiteren Monographien und Artikeln zur Stellung der Frau.

Weitere Forschungsschwerpunkte Webers bilden der deutsche Idealismus – insbesondere die Person Fichtes – und in späteren Jahren die Herausgabe und wissenschaftliche Bearbeitung des Werks ihres 1920 verstorbenen Mannes.

Vor dem Hintergrund ihrer wissenschaftlichen Aktivität entwickelte sich ihre politische Tätigkeit für die Frauensache, insbesondere für die Gleichstellung im Familienrecht. Sie publizierte immer wieder in Zeitschriften der Frauenbewegung, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. Dabei können ihre Ausführungen im Vergleich als die wohl tiefgründigsten und sozialgeschichtlich bedeutendsten Äußerungen der älteren Frauenbewegung zur Ehe und zur Rechtsstellung der Frau überhaupt gewertet werden. Unter anderem finden sich bei ihr die sozialwissenschaftliche Grundlegung zu einem der erst 20 Jahre später mehrheitlich von der Frauenbewegung geforderten und 50 Jahre später Gesetz gewordenen Ehegüterrecht: der Zugewinngemeinschaft, die das heutige gesetzliche Güterrecht bildet.

Im simplen Koordinatensystem der Nachwelt wird Marianne Weber der gemäßigten bürgerlichen Frauenbewegung zugeordnet. Ein Urteil, das auf den ersten Blick zutreffen mag, letztlich aber eine grobe und unzulässige Verallgemeinerung darstellt. Marianne Weber wird damit gewissermaßen in eine Schublade eingeordnet, die zu klein für sie ist. Der besonderen Tiefe und Eigenständigkeit ihrer Positionen wird man nur gerecht, wenn man diese individuell und ohne Einordnung in einen „Flügel“ betrachtet. Sie selbst hat sich vermutlich kaum von der vorgegebenen Meinung einer Mehrheit prägen lassen, sondern eher selbst mit individuell entwickelten Positionen diese Meinung geprägt und geschaffen.

Dies geschah einige Jahre lang in auch formal führender Stellung. Von 1919-1924 war sie Vorsitzende des Bundes deutscher Frauenvereine. Sie verfolgte hier eine als „gemäßigt“ beschriebene Position, die (Borchert, HRG V, 1169) als ein Programm der Konfliktvermeidung, etwa in der Abtreibungsfrage, eingestuft wird.

1919, mit Einführung des Frauenwahlrechts, war sie als Mitglied der badischen Nationalversammlung einzige Frau in der Fraktion der – linksliberalen – DDP und als Schriftführerin Mitglied des Fraktionsvorstandes. Weiterhin war Marianne Weber erste deutsche Ehrendoktorin der Rechte (Heidelberg, 18.1.1922).

Ab 1924 widmet sie sich von Heidelberg aus wieder verstärkt einer umfangreichen wissenschaftlich-politischen Vortrags- und Publikationstätigkeit. Berühmt wird der wöchentlich tagende „Marianne-Weber-Kreis“, ein akademischer Gesprächskreis, der bis in die 1960er Jahre bestehen bleibt.

Um 1930 publiziert Marianne Weber verstärkt zu Grundsatzfragen der Ehe, aber auch (für den Deutschen Juristentag 1931) zur konkreten Neugestaltung des Eherechts.

Marianne Weber und ihr Kreis lehnen den Nationalsozialismus ab und unterstützen jüdische Wissenschaftler und Freunde, scheuen aber die offene Auflehnung. 1935 erscheint das unter Zeitgenossen populärste Buch Webers (Matthiesen, DBE 10, S. 357/358). In ihrer Untersuchung „Die Frauen und die Liebe“ behandelt sie Erziehungsprobleme und alle Varianten weiblicher Lebensentwürfe von der Ehe bis zu kameradschaftlichen und karitativen Gemeinschaftsformen wie der von ihr selbst vertretenen „Wahlmutterschaft“. Nach dem Krieg zieht sie sich, inzwischen fast 80jährig, aus dem öffentlichen Leben zurück und arbeitet an ihren Erinnerungen, die sie 1948 – verbunden mit der Hoffnung auf einen demokratischen Neubeginn - publiziert.

Marianne Weber ist nicht identisch und – soweit ersichtlich – nicht verwandt mit der Frauenrechtlerin und Schriftstellerin Mathilde Weber, geb. Walz (1829-1901), die in Zusammenarbeit mit dem Allgemeinen Deutschen Frauenverein 1888 (in ihrer Schrift: Ärztinnen für Frauenkrankheiten, eine ethische und sanitäre Notwendigkeit) auf damals aufsehenerregende Weise die Zulassung von Frauen zum Medizinstudium forderte (vgl. DBE 10, S. 358).

Werke (in Auswahl): Fichtes Sozialismus und sein Verhältnis zur Marxschen Doktrin. 1900. Entwicklung des Eherechts. In: Die Frau 1904/05, S. 1-7. Beruf und Ehe. Die Beteiligung der Frau an der Wissenschaft. Berlin 1906. Ehefrau und Mutter in der Rechtsentwicklung. Tübingen 1907 [Hauptwerk; darin zum BGB besonders S. 407-505; 546-573]. Prinzipien der Ehereform. In: Die Frau 1911/12, S. 1-15. Frauenfragen und Frauengedanken. Gesammelte Aufsätze. Tübingen 1919. Max Weber. Ein Lebensbild. [1. Aufl.] 1926. Ein Beitrag zur Sexualethik. In: Die Frau 1926/27, S. 457-467. Die Ideale der Geschlechtergemeinschaft. Berlin 1929. Die Idee der Ehe und die Ehescheidung. Frankfurt/Main 1929. Die Frauen und die Liebe. Königstein i. Ts. 1935. Lebenserinnerungen. Bremen 1948.

Literatur: Allert, Tilmann: Max und Marianne Weber. Die Gefährtenehe. In: Treiber, Hubert / Sauerland, Karol (Hrsg.): Heidelberg im Schnittpunkt intellektueller Kreise. Opladen 1995, S. 210 ff.; Borchert, Manon / Buchholz, Stephan: Marianne Weber - Portraitstudien zu Person und Werk. In: Buchholz, Stephan (Hrsg.): Überlieferung, Bewahrung und Gestaltung in der rechtsgeschichtlichen Forschung. Paderborn 1993, S. 23-52. Borchert, Manon: Marianne Weber. HRG V, Sp. 1168-1170. Buchholz, Stephan: Das Bürgerliche Gesetzbuch und die Frauen: zur Kritik des Ehegüterrechts. In: Gerhard, Ute (Hrsg.): Frauen in der Geschichte des Rechts. Von der frühen Neuzeit bis zur Gegenwart. München 1997, S. 670 – 682 (zu Weber: S. 677-682, mit Bild, S. 679). Fels, Orla-Maria: Die Deutsche Bürgerliche Frauenbewegung als juristisches Phänomen. Jur. Diss. Freiburg 1959. S. 34. Gerhard, Ute: Unerhört. Die Geschichte der deutschen Frauenbewegung. Reinbek bei Hamburg 1990, S. 347/348. Matthiesen, Michael: Weber, Marianne. In: Deutsche Biographische Enzyklopädie 10 (1999), S. 357/358. Meurer, Bärbal (Hrsg.): Marianne Weber. Beiträge zu Werk und Person. Tübingen 2004 [hierzu Rezension von Duncker, Arne, in: SavZRG (GA) 2005]. Roth, Günther: Marianne Weber und ihr Kreis. In: Marianne Weber: Max Weber. Ein Lebensbild. Sonderausgabe. München 1989, S. IX-LXXII. Tenzer, Eva: „Mein Weg mitten durch die Welt“. Vor 45 Jahren starb Marianne Weber. Frankfurter Rundschau, 13.2.1999, S. ZB 5 (mit Bild). v. Zahn-Harnack, Agnes, Die Frauenbewegung. Geschichte, Probleme, Ziele. Berlin 1928, S. 20, 31, 42, 45, 46, 62, 64, 122, 261, 289, 303.