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Marie Stritt, geb. Bacon (1855 - 1928)

Marie Stritt galt als eine der besten Rednerinnen der älteren Frauenbewegung. Sie hielt in ganz Deutschland Vorträge zur rechtlichen Stellung der Frau. Ihre besondere Schulung in Stimme und Auftreten war Resultat einer Schauspielausbildung in Wien und der Tätigkeit als Schauspielerin am Hoftheater in Karlsruhe (1876-1881) sowie in Frankfurt/Main, Hamburg und Dresden. 1879 heiratete sie den Opernsänger und Gesangspädagogen Albert Stritt (1847-1908). Das Ehepaar hatte zwei Kinder.

1889 nahm Marie Stritt Abschied von der Bühne, ließ sich in Dresden nieder und wandte sich in den darauffolgenden Jahren der Frauenpolitik und Rechtspolitik zu. Damit befand sie sich in der Tradition ihrer Eltern. Sie stammte als älteste von zehn Geschwistern aus einer deutschen Rechtsanwaltsfamilie in Siebenbürgen. Ungewöhnliches wird von ihrer Mutter berichtet. Diese war bereits zu einer Zeit frauenpolitisch tätig, als eine größere Frauenbewegung noch nicht existierte. Sie führte um 1890 ihre Tochter Marie in die Dresdener Frauenbewegung ein. Noch 1901, so berichtet Ika Freudenberg, arbeitete die Mutter Marie Stritts „als 77jährige Greisin, dem Ideal ihrer Jugend treu, für Frauenbildung und Frauenerwerb in Siebenbürgen“ (Die Frau 1901, S. 422).

1894 gründete Marie Stritt den Rechtsschutzverein für Frauen in Dresden, der als erster und bekanntester Verein dieser Art in den darauffolgenden Jahren maßgeblich für ähnliche Vereinsgründungen in ganz Deutschland wurde. Der Dresdener Verein entwarf u.a. eine der zentralen kritischen Stellungnahmen zum BGB-Familienrecht.

In der Folge arbeitete Marie Stritt mit Anita Augspurg und Sera Proelß in der Rechtskommission des Bundes deutscher Frauenvereine zusammen.

Sie war 1899-1910 Vorsitzende des Bundes deutscher Frauenvereine, 1911-1919 Vorsitzende des Deutschen Verbandes für Frauenstimmrecht. Nach Einführung des Frauenstimmrechts wirkte sie 1920-1922 als Stadträtin in Dresden. Sie hatte zuvor auch als Gründungsmitglied der linksliberalen DDP für die Nationalversammlung 1919 kandidiert, war aber nicht gewählt worden.

Sie war ihren Ämtern nach die lange Zeit führende Repräsentantin des gemäßigten Flügels der deutschen Frauenbewegung. Ihrer tatsächlichen politischen Haltung nach stand sie allerdings den radikalen Positionen näher als den gemäßigten. Sie arbeitet (z.B. 1904 im Bund für Mutterschutz) mit umstrittenen Vertreterinnen des radikalen Flügels zusammen und teilte in vielen Punkten (z.B. zu Frauenstimmrecht, Geburtenkontrolle, § 218 StGB) die Haltung der Radikalen. Zum Bruch mit den Gemäßigten kam es, als sie sich 1910 für die Verbindung von Ehe und Beruf einsetzte. Sie wurde daraufhin als Präsidentin des BDF abgesetzt und durch Gertrud Bäumer abgelöst.

Zum „linken Flügel“ hatte sie schon gehört, als sich dieser auf dem Kongreß des Bundes deutscher Frauenvereine 1895 konstituierte. Damals hatten sich - möglicherweise zufällig - einige führende Vertreterinnen dieses Flügels auf die linke Seite gesetzt, als die Delegierten Platz nahmen. Es handelte sich um Marie Stritt, Minna Cauer, Anita Augspurg, Elisabeth Mießner und Lily v. Gizycki (Liy Braun).

Werke (in Auswahl): Der Kampf der Frau. In: Die Frauenbewegung 1896, S. 160/161. Das bürgerliche Gesetzbuch und die Frauenfrage. Vortrag gehalten auf der Generalversammlung des Bundes deutscher Frauenvereine in Hamburg 1898. Frankenberg 1898. Rechtsschutz für Frauen. In: Lange, Helene / Bäumer, Gertrud (Hrsg.): Handbuch der Frauenbewegung. 2. Teil: Frauenbewegung und soziale Frauenthätigkeit in Deutschland nach Einzelgebieten. Berlin 1901. S. 123-133. Rechtskämpfe. In: Lange, Helene / Bäumer, Gertrud (Hrsg.): Handbuch der Frauenbewegung. 2. Teil: Frauenbewegung und soziale Frauenthätigkeit in Deutschland nach Einzelgebieten. Berlin 1901. S. 134-153. Der internationale Frauenkongreß in Berlin 1904. Berlin 1904.

Deutsche Übersetzerin von Gilman, Charlotte Perkins: Women and Economics (1898).

Mitwirkung an: Rechtsschutzverein für Frauen in Dresden: Das deutsche Recht und die deutschen Frauen. Kritische Beleuchtung des Entwurfs eines bürgerlichen Gesetzbuchs für das deutsche Reich, 2. Lesung, Buch IV: Familienrecht. Frankenberg (Sachsen) 1895.

Literatur: Marie Stritt †. In: Die Frau 1928/29, S. 3-5; Deutsche Biographische Enzyklopädie 9 (1998), S. 588 [auch zu Albert Stritt]. Frederiksen, Elke: Marie Stritt. In: dies., Die Frauenfrage in Deutschland 1865-1915, Stuttgart 1981, S. 496-499. Freudenberg, Ika: Marie Stritt. In: Die Frau 8 (1901), S. 419-422. Gerhard, Ute: Unerhört. Die Geschichte der deutschen Frauenbewegung. Reinbek bei Hamburg 1990, S. 97, 152, 165, 174-177 (mit Bild), 213, 216, 220 (mit Bild), 230, 233, 235/236, 267, 270, 274, 292, 309, 322. Waescher, Johanna: Wegbereiter der deutschen Frau. Kassel 1931, S. 44. v. Zahn-Harnack, Agnes, Die Frauenbewegung. Geschichte, Probleme, Ziele. Berlin 1928, S. 20, 273.