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Kapitel 2

Entwicklung und gegenwärtige Situation der Kriminologie

Frage 1

Nennen Sie die wichtigsten Wegbereiter der Kriminologie im 18. und 19. Jahrhundert und begründen Sie Ihre Auswahl. ★★

Maßgeblichen Einfluss hatten im 18. und 19. Jahrhundert vor allem:

Die drei Genannten waren bei weitem nicht die einzigen, die die Entwicklung der Kriminologie im 18. und 19. Jahrhundert maßgeblich beeinflussten. Eine große Rolle spielte insbesondere auch die Entwicklung Kriminalstatistik, mit der ab dem Anfang des 19. Jahrhunderts erstmals ein Überblick über Umfang, Struktur und Entwicklung der von den Strafgerichten abgeurteilten Kriminalität gewonnen werden konnte. Erste Analysen der Kriminalstatistik erfolgten in den 1830er Jahren durch André-Michel Guerry (1802 – 1866) und Adolphe Quételet (1796 – 1874).

Die Namen weiterer Wegbereiter der Kriminologie finden Sie, wenn Sie im Internet unter dem Stichwort „Pioneers in Criminology“ recherchieren. Das Stichwort geht zurück auf den Titel eines von dem deutsch-britischen Kriminologen Hermann Mannheim (1889 – 1974) herausgegebenen Werks.

Frage 2

Nennen Sie die Wegbereiter der Kriminologie in Deutschland. ★★

In Deutschland wurde die Entwicklung der Kriminologie vor allem durch zwei Personen angestoßen:

v. Liszt, Kriminalpolitische Aufgaben, ZStW 9 (1889), S. 455; ders., Die Zukunft des Strafrechts (1892), in: Strafrechtliche Vorträge und Aufsätze, 2. Bd., 1905, S. 3. Schneider, H.J., Kriminalpsychologie gestern und heute: Gustav Aschaffenburg als internationaler Kriminologe, MschrKrim 87 (2004), S. 168.

Frage 3

Welche Überlegungen beeinflussten die deutschsprachige Kriminologie in der Weimarer Zeit? ★★★

In der deutschsprachigen Kriminologie stand in den 1920er und – solange noch kriminologisch gearbeitet wurde – 1930er Jahren die Kriminalbiologie im Vordergrund. Weit verbreitet war die Vorstellung, dass Kriminalität erblich bedingt sei, d.h. durch Umstände bestimmt werde, die genetisch verankert seien und von einer Generation auf die nächste vererbt werden könnten. Mit diesen Vorstellungen knüpfte die Kriminalbiologie an die Überlegungen Lombrosos an, der das Konzept vom „geborenen Verbrecher“ schon in den 1880er Jahren entwickelt hatte. Methodisch spielte dabei in den 1920 und 1930er Jahren die Zwillingsforschung eine große Rolle: Man nahm an, dass der Nachweis der Erblichkeit der Kriminalität dann erbracht sei, wenn sich eineiige Zwillinge, die genetisch über dasselbe Erbgut verfügen, häufiger als zweieiige Zwillinge „konkordant“ verhielten, d.h. wenn sich beide Zwillinge übereinstimmend entweder einheitlich strafrechtskonform oder einheitlich strafrechtswidrig verhielten; eine solche Übereinstimmung lasse sich nur mit dem identischen Erbgut erklären. Ein namhafter Vertreter dieser Forschungsrichtung war der Psychiater Johannes Lange, von dem das 1929 erschienene Buch „Verbrechen als Schicksal“ stammt.

Einflussreich war auch die Konstitutionsbiologie, mit der man versuchte, zwischen bestimmten Körperbautypen und Temperament einen Zusammenhang herzustellen, der auch mit einzelnen Kriminalitätsformen in Verbindung gebracht wurde. So sollten etwa Menschen mit athletischem Körperbau häufiger zu Gewalttaten und Einbruchsdiebstählen neigen, während Menschen mit leptosomem Körperbau (körperlich schmal und hochwüchsig) eher mit Diebstahl und Betrug in Zusammenhang gebracht wurden. Einflussreich war insoweit das Lehrbuch „Körperbau und Charakter“ des Psychiaters Ernst Kretschmer, das in der 1. Auflage 1921 erschien und in Deutschland in zahlreichen Auflagen bis in die 1960er Jahre verlegt wurde. >>>

Neben den erb- und konstitutionsbiologischen Überlegungen spielte die Psychopathenlehre des Psychiaters Kurt Schneider eine große Rolle. Schneider ging davon aus, dass jeder Mensch mit bestimmten, angeborenen Varianten von Gefühls- und Willenseigenschaften ausgestattet sei, die ihm das tägliche Leben ermöglichten. Extreme Varianten dieser Eigenschaften, z.B. eine besondere Willens- oder Haltschwäche, Gemütsarmut, eine übermäßige psychomotorische Aktivität oder jähzornige Impulsivität, sollten mit Kriminalität korrelieren. Als „Psychopathie“ bezeichnete Schneider die Extremform, unter der entweder der Betreffende selbst oder unter der die Gesellschaft leidet. Schneiders Hauptwerk „Die psychopathischen Persönlichkeiten“ erschien 1923.

Andere, nicht im Anlagedenken wurzelnde kriminologische Beiträge gab es in der Weimarer Zeit ebenfalls, aber sie waren weniger einflussreich. Hinzuweisen ist etwa auf die Bemühungen, Delinquenz und Kriminalität psychoanalytisch zu deuten und als Ausdruck entweder eines zu starken oder eines zu schwachen Über-Ichs zu erklären. Hervorzuheben ist insoweit eine Schrift des österreichischen Psychoanalytikers August Aichhorn, „Verwahrloste Jugend. Die Psychoanalyse in der Fürsorgeerziehung“, das 1925 mit einem Geleitwort von Sigmund Freud erschien. Auch kriminalstatistische Analysen, und damit eher in Richtung Kriminalsoziologie weisende Beiträge spielten eine Rolle. Insoweit sind namentlich die Beiträge des österreichisch-deutschen Strafrechtlers Franz Exner zur Gleichheit und Ungleichheit der richterlichen Strafzumessungspraxis erwähnenswert. Bedeutsam ist auch, dass Exner in den 1930er Jahren, schon zu Beginn der Nazi-Zeit, eine mehrmonatige Studienreise durch die USA unternahm und sich um die Rezeption der zeitgenössischen US-amerikanischen Kriminologie bemühte.

Exner, Kriminalistischer Bericht über eine Reise nach Amerika, ZStW 54 (1935), S. 345.

Frage 4

Stellen Sie dar, wie die kriminologische Forschung im „Dritten Reich“ von den nationalsozialistischen Machthabern instrumentalisiert wurde. ★★

In der Weimarer Zeit hatte die deutschsprachige Kriminologie eine ausgeprägt biologische Ausrichtung genommen (→ Frage 3). Die nationalsozialistischen Machthaber nutzten die kriminalbiologischen, vor allem die erbbiologischen Erkenntnisse zur wissenschaftlichen Legitimation ihrer politischen Absichten. Vor dem Hintergrund der Durchsetzung nationalsozialistischer Ideologien wurden Forschungserkenntnisse vergröbert und zugespitzt, um so unmenschliche Strafen oder die Vernichtung von Menschen in Konzentrationslagern als „wissenschaftlich begründet“ fordern und rechtfertigen zu können. Wenn Kriminalität erb- und anlagegebunden war, erschien es nur als konsequent, die Weitergabe des „minderwertigen Erbguts“ durch entsprechende Maßnahmen zu verhindern. Neben den Strafen wurden dafür auch die erst 1933 eingeführten Maßregeln der Sicherung und Besserung, etwa die Zwangskastration „gefährlicher Sittlichkeitsverbrecher“ (§ 42k RStGB), sowie polizeirechtliche Maßnahmen genutzt.

Streng, Der Beitrag der Kriminologie zu Entstehung und Rechtfertigung staatlichen Unrechts im „Dritten Reich“, MschrKrim 76 (1993), S. 141.

Frage 5

Beschreiben Sie, wie nach 1945 in (West-) Deutschland die Etablierung der Kriminologie als einer selbständigen Wissenschaftsdisziplin gelang. ★★

Zu unterscheiden sind mehrere Ebenen. Institutionell war für die Etablierung der Kriminologie die Schaffung der ersten Lehrstühle ausschließlich für Kriminologie (1959 Heidelberg, 1962 Tübingen) sowie die Gründung der bis heute wichtigsten außeruniversitären kriminologischen Forschungseinrichtung, der kriminologischen Arbeitsgruppe am Max-Planck-Institut für Strafrecht in Freiburg (1970), bedeutsam.

Personell war entscheidend, dass die Lehrstühle, die an den juristischen Fakultäten angesiedelt waren, mit Wissenschaftlern besetzt wurden, die über Doppelqualifikationen und empirische Forschungserfahrung verfügten (Heinz Leferenz, 1959 – 1978 in Heidelberg, war ebenso wie Hans Göppinger, 1962 – 1986 in Tübingen, Rechtswissenschaftler und Psychiater). Die psychiatrische Ausrichtung der Lehrstuhlinhaber war zwar lange Zeit für die vorwiegend einseitig täterorientierte Ausrichtung der deutschen Kriminologie prägend, doch aus den Umfeldern der Lehrstühle, die später zu Instituten wurden, erwuchsen Wissenschaftlerpersönlichkeiten, die diese enge Ausrichtung aufbrachen und den Anschluss zur internationalen, sozialwissenschaftlich geprägten Kriminologie herstellten. Hervorzuheben sind namentlich Günter Kaiser (1970 – 1996 Leiter der kriminologischen Arbeitsgruppe beim Max-Planck-Institut) und Hans-Jürgen Kerner (1980 – 1986 Leiter des Heidelberger Instituts, 1986 – 2011 Leiter des Tübinger Instituts). >>>

Ebenfalls bedeutsam ist, dass sich nach dem zweiten Weltkrieg die empirische Sozialforschung in Deutschland als eigenständiger Wissenschaftszweig etablierte und sich das Spektrum der angewandten Methoden immer weiter ausdifferenzierte. Diese Entwicklung war für die Kriminologie deshalb wichtig, weil sich auch die Kriminologie seit dem Beginn der 1960er Jahr in immer stärkerem Maß der sozialwissenschaftlichen Forschungsmethoden bediente. Seit dieser Zeit begannen auch andere Wissenschaftsgebiete, insbesondere die Psychologie und die Soziologie, sich mit kriminologischen Fragestellungen zu befassen, genauso wie sich auch die Kriminologie selbst für soziologische und sozialpsychologische Zusammenhänge öffnete.

Als eine eigenständige, empirisch, interdisziplinär und zunehmend auch international forschende Wissenschaft hatte sich die Kriminologie damit in Deutschland in den 1960er Jahren etabliert.

Frage 6

Von welchen Annahmen ging die in der ehemaligen DDR vertretene marxistisch-leninistische Kriminologie aus? ★★

Für die Kriminologie der ehemaligen DDR war die Erklärung, warum es im Sozialismus überhaupt noch kriminelles Verhalten gab, eine Herausforderung. Bis in die 1970er Jahre wurden Erscheinungsformen abweichenden Sozialverhaltens als Relikte oder Rudimente der alten Gesellschaft angesehen, von denen man annahm, dass sie mit dem weiteren Erstarken des Sozialismus verschwinden würden. Als dies nicht geschah, wurde Kriminalität in den 1980er Jahren mit den gesellschaftlichen Verhältnissen und den die Gesellschaft bewegenden Widersprüchen erklärt, wobei dem Auseinanderfallen der individuellen Interessen und der Interessen der Gesellschaft ein wesentlicher Stellenwert beigemessen wurde.

Lekschas/Kosewähr, Kriminologie in der DDR, in: Kaiser/Kury/H.-J. Albrecht (Hrsg.), Kriminologische Forschung in den 80er Jahren, 1988, S. 19. Kräupl, Über Brüche und historische Kontinuitäten im ostdeutschen Kriminalitätsverständnis zwischen 1950 und 1990, in: Hilgendorf/rengier (Hrsg.), Festschrift für Wolfgang Heinz, 2012, S. 141.

Frage 7

Benennen Sie die einige außeruniversitäre Einrichtungen, an denen heute in Deutschland kriminologische Forschung betrieben wird. ★

Es gibt drei große kriminologische Forschungsinstitute:

Außeruniversität wird kriminologische Forschung darüber hinaus betrieben bei den

  • Kriminalistisch-kriminologischen Forschungsstellen des Bundeskriminalamts und der Landeskriminalämter
  • Kriminologischen Diensten des Strafvollzugs, beispielsweise in Niedersachsen
  • Frage 8

    Welche deutschen Fachzeitschriften beschäftigen sich heute ausschließlich oder jedenfalls intensiv mit kriminologischen Fragestellungen? ★

    Die wichtigsten deutschen Zeitschriften sind:

    Einen Überblick über weitere wichtige Zeitschriften mit kriminologischen Inhalten, insbesondere auch aus dem anglo-amerikanischen Bereich finden Sie im → Literaturverzeichnis.

    Frage 9

    Recherchieren Sie: Welche Studiengänge werden heute in Deutschland angeboten, in denen man „Kriminologie“ studieren kann? ★

    Weiterbildender Masterstudiengang Kriminologie, Universität Hamburg

    Einen Überblick über ausländische Masterprogramme finden Sie hier.

    Frage 10

    Womit beschäftigt sich das „Freiburger Memorandum“? ★

    Das „Freiburger Memorandum“ fasst den Ertrag einer im Jahr 2012 in Freiburg durchgeführten Tagung „Zur Lage der Kriminologie in Deutschland“ zusammen. In 10 Thesen wird darauf aufmerksam gemacht, dass Deutschland zwar über eine theoretisch wie empirisch hochentwickelte kriminologische Wissenschaft verfüge, dass die Kriminologie in Deutschland aber durch „strukturelle Auszehrung“ bedroht sei. Angeprangert wird der Bedeutungsverlust des Fachs Kriminologie an den Universitäten, und zwar sowohl an den juristischen als auch an den sozialwissenschaftlichen Fakultäten und Fachbereichen. Empfohlen wird die Intensivierung der Bemühungen um die Kriminologie in Forschung und Lehre sowie der Aufbau fachübergreifender kriminologischer Zentren, in denen die diversen kriminologischen Aktivitäten gebündelt, koordiniert und vorangetrieben werden könnten.

    H..-J. Albrecht/Quensel/Sessar, Freiburger Memorandum zur Lage der Kriminologie in Deutschland, MschrKrim 95 (2012), S. 385. Die Beiträge der Tagung sind abgedruckt in MschrKrim 96 (2013), S. 71 (Heft 2 / 3).

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