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Kapitel 3

Kriminologische Theorien

Frage 1

Was sind kriminologische Theorien und womit befassen sie sich? ★

Allgemein lässt sich der Begriff der „Theorie“ als System von Aussagen bezeichnen, mit dem mehrere beobachtbare Phänomene in einen Zusammenhang gebracht und erklärt werden. Erklären bedeutet, dass für das (Nicht-) Auftreten der Phänomene eine Begründung geliefert wird, die sich aus dem Aussagesystem der Theorie ableitet. Theorien erheben den Anspruch, richtig zu sein und die Wahrheit über einen bestimmten Gegenstandsbereich zutreffend zu erfassen. Sie müssen sich deshalb anhand der Wirklichkeit überprüfen lassen; sie sind gültig, solange ihre Annahmen nicht durch die beobachtbaren Tatsachen widerlegt (falsifiziert) werden. Theorien schärfen den Blick für die Wahrnehmung der Wirklichkeit, sie liefern einen Interpretationsrah-men und ermöglichen in ihrem jeweiligen Gegenstandsbereich die Vorhersage der weiteren Entwicklungen.

Kriminologische Theorien befassen sich mit den Zusammenhängen in den Gegenstandsbereichen der Kriminologie, vor allem also mit dem strafnormverletzenden Verhalten, mit den Personen, denen strafbares Verhalten zur Last gelegt wird oder die als Opfer hiervon betroffen sind, sowie mit den Prozessen der gesellschaftlichen und staatlichen Kontrolle, insbesondere mit dem Strafrecht (→ 1. Teil, Frage 1). Kriminologische Theorien liefern Begründungen dafür, warum es zu strafnormverletzendem Verhalten kommt und wie die Betroffenen – Täter, Opfer, Angehörige, Medien, Polizei, Justiz – hiermit umgehen. Diejenigen Erklärungen, die sich mit der Entstehung, Entwicklung und Struktur von Delinquenz und Kriminalität befassen, werden als Kriminalitätstheorien bezeichnet.

Frage 2

Die mit der Erklärung von Delinquenz und Kriminalität befassten Theorien sind wissenschaftlicher Natur, da sie anhand der Faktenlage überprüft werden können. Kennen Sie auch Erklärungen, bei denen die Begehung von Straftaten mit anderen, empirisch nicht überprüfbaren Umständen in Zusammenhang gebracht wird? ★★

Empirisch nicht überprüfbar sind alle Zusammenhänge, bei denen zur Erklärung auf das Wirken „übernatürlicher“ Kräfte abgestellt wird, deren Existenz zwar postuliert, aber nicht sinnlich wahrgenommen und damit nicht bewiesen werden kann. Zu denken ist etwa an das Wirken gottähnlicher dämonischer Kräfte („Satan“), die nach den Vorstellungen mancher Menschen von den Ungläubigen Besitz ergreifen und sie zur Begehung schwerer Delikte treiben. Anklänge finden sich aber auch im Konzept des „Bösen“, das als Gegenstück zum „Guten“ falsches Handeln antreibt und als vermeintliche Erklärung manchmal dann genannt wird, wenn schwerste Verbrechen begangen werden (Mehrfachtötungen, Kannibalismus, langjährige Freiheitsberaubung und Folter), die vielen Menschen anders nicht erklärbar erscheinen. In der Kriminologie spielen diese „übernatürlichen“ Erklärungen keine Rolle. Sie können aber zum Gegenstand kriminologischen Interesses werden, wenn über den Umgang der Gesellschaft mit schwerster Kriminalität nachgedacht wird.

Etwas andere Deutung des „Bösen“ bei Dölling, Über das Böse aus kriminologischer und strafrechtlicher Sicht, in: Heinrich u.a. (Hrsg.), Strafrecht als Scientia Universalis. Festschrift für Claus Roxin, Bd. 2, 2011, S. 1902 ff.

Frage 3

Welche Erklärungsebenen lassen sich innerhalb der (wissenschaftlichen) Kriminalitätstheorien unterscheiden? ★

Um die Entstehung, Entwicklung und Struktur von Delinquenz und Kriminalität zu erklären, kann man auf unterschiedlichen Ebenen ansetzen:

Frage 4

Welche Bedeutung haben die kriminalitätstheoretischen Aussagen für die Strafrechtsanwendung? ★★★

Die Frage, warum Straftaten begangen werden, hat nicht nur für das Verständnis der Taten Bedeutung, sondern auch für Prognose und Prävention: Wenn die Gründe bekannt sind, die zu Kriminalität führen, lässt sich die weitere Entwicklung abschätzen und es lassen sich Gegenstrategien entwickeln, wie kriminellem Handeln entgegengewirkt werden kann. Während die Kriminalpolitik dabei die Kriminalität als Massenphänomen in den Blick nimmt, interessiert sich die Strafrechtsanwendung für die Erklärung des kriminellen Verhaltens im Einzelfall.

Die kriminologische Erklärung des Einzelfalls kann zwar nicht den Schuldspruch (also die Entscheidung des Gerichts über das „Ob“ der Tat), wohl aber die vom Gericht verhängten Rechtsfolgen beeinflussen:

Frage 5

Was besagt die Theorie der rationalen Wahl? Warum hat diese Theorie für das Strafrecht eine besondere Bedeutung? ★★

Die Theorie der rationalen Wahl (rational choice theory) geht davon aus, dass menschliches Handeln – und damit auch normabweichendes Handeln – rational ist. Damit ist gemeint, dass sich ein Mensch in einer Situation, in der ihm mehrere Handlungsalternativen zur Verfügung stehen, für diejenige Handlungsalternative entscheidet, die für ihn aus seiner Sicht den größten Nutzen bringt. Soweit eine der Handlungsalternativen mit Strafe bedroht ist, entscheidet er sich für diese Handlungsalternative trotz der angedrohten Strafe dann, wenn der erwartete Nutzen aus der Straftat größer ist als der Nutzen, den er hätte, wenn er sich für die normkonforme Handlungsalternative entscheiden würde; dabei spielt auch die Einschätzung des Entdeckungsrisikos und der Schwere der ggf. zu erwartenden Strafe eine Rolle.

Für das Strafrecht hat die Theorie deshalb eine besondere Bedeutung, weil die Theorie dem Strafrecht eine feste Position zuweist: Das Strafrecht steht für einen Mechanismus, mit dem die Entscheidung des potentiellen Täters beeinflusst werden kann. Der erwartete Nutzen kann nach der Theorie sowohl durch die Erhöhung des Entdeckungsrisikos (z.B. durch die Verstärkung der Polizeiarbeit) als auch durch die Erhöhung des angedrohten Strafmaßes sowie ggf. noch durch weitere Umstände (u.a. Verurteilungswahrscheinlichkeit, Schnelligkeit der Bestrafung) so beeinflusst werden, dass der potentielle Täter die Straftat unterlässt. Da es sich bei diesen Einflussfaktoren um Parameter handelt, die im Strafrechtssystem verwurzelt sind, hat die Theorie aus der Sicht des Strafrechts eine hohe Praxisrelevanz. Die empirischen Befunde mahnen indes zur Vorsicht: Zumindest die Abschreckungswirkung des angedrohten Strafmaßes ist nur gering: Sofern potentielle Täter vor ihrem Handeln überhaupt kalkulieren, gehen sie regelmäßig davon aus, dass sie nicht erwischt werden und deshalb mit Strafe überhaupt nicht zu rechnen brauchen; die Schwere der Strafe, die sie ggf. erwartet, spielt in ihrem Entscheidungsprozess nur eine untergeordnete Rolle.

Frage 6

Machen wir es einmal konkret: Unter Abwägung der Tatsachen, dass er das ihm gerade zur Verfügung stehende Geld zum Eisessen aufwenden möchte und die öffentlichen Verkehrsbetriebe seiner Heimatstadt das Beisichführen von gültigen Fahrausweisen nur äußerst selten kontrollieren, benutzt Schüler S die S-Bahn ohne zuvor eine Fahrkarte zu lösen.

Prüfen Sie die Entscheidung des S aus der Sicht des „rational choice approach“: Ist die Entscheidung „rational“? Worin besteht die Stärke, worin die Schwäche des Ansatzes? ★★

S hat zwei Bedürfnisse, die er gleichzeitig befriedigen will: Eis essen und S-Bahn fahren. Wenn er „schwarz fährt“, also eine Straftat nach § 265a StGB begeht, ist der Nutzen für ihn größer als er wäre, wenn er die Straftat unterlässt: Im ersten Fall kann er beide Bedürfnisse, im zweiten Fall nur ein Bedürfnis (S-Bahn fahren) befriedigen. Dies gilt allerdings nur dann, wenn der Zusatznutzen des Eisessens für S größer ist als der Nutzen, den S aus der Vermeidung der Nachteile hat, die ihm drohen, wenn er beim „Schwarzfahren“ erwischt wird (Stigmatisierung und Scham beim Entdecktwerden; Notwendigkeit der Zahlung eines „erhöhten Beförderungsentgelts“). Da die drohenden Nachteile erheblich sind und ihre Vermeidung wirtschaftlich betrachtet deutlich mehr wert sind als der kurzfristige Eisgenuss, ist die Entscheidung für den Eisgenuss nur dann rational, wenn S das Entdeckungsrisiko deutlich geringer einschätzt als 100 % (in diesem Fall würden sämtliche begangenen Straftaten entdeckt). Diese Voraussetzung ist nach der Sachverhaltsschilderung gegeben; die Fahrausweise werden „nur äußerst selten“ kontrolliert. Die Entscheidung des S ist daher rational. >>>

Der Vorteil der Theorie der rationalen Wahl besteht darin, dass das Verhalten des S nicht pathologisiert wird; S begeht nicht deshalb eine Straftat, weil er „böse“ oder „krank“ ist, sondern er trifft nach Abwägung der ihm bekannten Tatsachen eine gut begründete Entscheidung. Der Nachteil besteht darin, dass für die Theorie nicht die objektiven Umstände, sondern diejenigen Umstände maßgeblich sind, die S kennt und aus seiner Sicht bewertet. Welchen Nutzen die Befriedigung der beiden Bedürfnisse Eis essen und S-Bahn fahren für ihn hat, kann allein S beurteilen. Dasselbe gilt für das Risiko, beim „Schwarzfahren“ entdeckt zu werden: Selbst wenn in den S-Bahnen objektiv häufig kontrolliert wird, kommt es hierauf nur dann an, wenn S dies auch weiß; im Übrigen wird er das Entdeckungsrisiko vor dem Hintergrund seiner persönlichen Erfahrung einschätzen. Die Frage aber, ob und wie S die entscheidungsrelevanten Umstände wahrnimmt und bewertet, ist von einer Vielzahl weiterer Umstände abhängig (persönliche Risikobereitschaft, Sozialisationseinflüsse, Fähigkeit zur Selbstkontrolle etc.), die sich mit anderen theoretischen Ansätzen u.U. besser erklären lassen als mit der Theorie der rationalen Wahl.

Frage 7

Inwiefern unterscheiden sich die modernen kriminalbiologischen Erklärungsansätze von den Ansätzen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts? ★★

Auch heute wird nach den Zusammenhängen zwischen bestimmten biologischen Auffälligkeiten und kriminellem Verhalten gefragt. Anders als im 19. und frühen 20. Jhdt. hat sich das Spektrum der in den Blick genommenen Auffälligkeiten jedoch erweitert. Während sich die ältere Forschung vor allem mit der Physiognomie, also mit der äußeren Erscheinung von Straftätern beschäftigte (→ 2. Teil, Fragen 1 und 3), fragt die moderne Forschung nach dem Zusammenhang mit neurobiologischen und biochemischen Besonderheiten und bezieht dabei den Einfluss des sozialen Umfelds in die Überlegungen mit ein. Als tragfähig hat sich ein biosoziales Erklärungsmodell erwiesen, das nicht einseitig auf (neuro-) biologische Auffälligkeiten abstellt, sondern auch auf (psycho-) soziale Einflussfaktoren wie – beispielsweise – Misshandlungserfahrungen in der frühen Kindheit. Dabei stehen die sozialen Faktoren in einer Wechselbeziehung zu den biologischen Faktoren und erhöhen gerade in diesem Zusammenwirken die Wahrscheinlichkeit delinquenten Verhaltens. Auch dies ist übrigens ein Unterschied zur früheren Denkweise: Die von der modernen Forschung ermittelten Umstände sollen das Verhalten nicht, so wie es noch bis in die 2. Hälfte des 20. Jhdt. für richtig gehalten wurde, determinieren, also unausweichlich auf die Begehung strafbarer Handlungen festlegen, sondern es soll sich lediglich um Risikofaktoren handeln, die Gefährdungslagen für eine Straffälligkeit anzeigen.

Ratchford/Beaver, Neuropsychological Deficits, Low Self-Control, and Delinquent Involvement. Toward a Biosocial Explanation of Delinquency, Criminal Justice and Behavior 2009, S. 147.

Frage 8

Welche (neuro-) biologischen Risikofaktoren sind für normabweichendes, insbesondere aggressives Verhalten nachgewiesen? Wie können sich solche Faktoren entwickeln? ★★★

In zahlreichen Untersuchungen hat sich gezeigt, dass vor allem drei Risikofaktoren Bedeutung haben:

Die Entstehungsgründe derartiger neurobiologischer Auffälligkeiten können vielfältig sein. Sie können zur genetischen Ausstattung des Betreffenden gehören, also angeboren und ererbt sein. Sie können die Folge von Schwangerschafts- oder Geburtskomplikationen sein. Und sie können die Folge früher Lebenserfahrungen sein; die neuronalen Strukturen des Gehirns bilden und verändern sich nach der Geburt in Abhängigkeit von Erkrankungen, Unfällen, vor allem aber auch in Abhängigkeit von Lebensereignissen, die als belastend, vielleicht sogar traumatisierend empfunden werden. Da die Plastizität des Gehirns in der frühkindlichen Phase am größten ist, kommt frühen belastenden Ereignissen eine größere, prägendere Bedeutung zu als späteren Ereignissen.

Markowitsch, Tatort Gehirn, Zeitschrift für Neuropsychologie 2009, S. 169.

Frage 9

Was bezeichnet man mit dem Begriff der „Persönlichkeit“ eines Menschen? Was bedeutet der Begriff der „Persönlichkeitsstörung“? In welchem Verhältnis stehen beide Begriffe zur Erklärung von Kriminalität? ★★

Der Begriff der „Persönlichkeit“ bezeichnet ein von der Psychologie entwickeltes theoretisches Konstrukt, um das Handeln eines Menschen in bestimmten Situationen besser zu verstehen. Die Persönlichkeit eines Menschen ist die individuelle, einzigartige Struktur, in der unter gegebenen Kontextbedingungen konsistent bestimmte Verhaltens-, Denk- oder Gefühlsweisen produziert werden. Die Persönlichkeit kann nicht in ihrer Gesamtheit, sondern nur in einzelnen Dimensionen erfasst und beschrieben werden, beispielsweise unter dem Gesichtspunkt der Hilfsbereitschaft, der Intelligenz oder der Ängstlichkeit.

Der Begriff der „Persönlichkeitsstörung“ bezeichnet ein in der Forensischen Psychiatrie verwendetes Konstrukt, bei dem einzelne Dimensionen der Persönlichkeit einen Ausprägungsgrad haben, mit dem der Betreffende deutlich von den kulturell erwarteten und akzeptierten Vorgaben abweicht und der bei ihm einen Leidensdruck erzeugt oder ihm die Anpassung an die Verhaltensanforderungen der Umwelt erschwert. Im Mittelpunkt stehen Störungen der Wahrnehmung und Interpretation von Dingen, Menschen und Ereignissen, Störungen der emotionalen Ansprechbarkeit, Störungen der Impulskontrolle und Störungen in der Gestaltung der zwischenmenschlichen Beziehungen.

Ob kriminelles Handeln von der Persönlichkeit des Handelnden oder von einer Persönlichkeitsstörung her erschlossen und erklärt wird, ist aus kriminologischer Sicht gleichwertig. In beiden Fällen wird zur Erklärung auf Besonderheiten in einzelnen Dimensionen verwiesen, also etwa auf Auffälligkeiten in den Denkmustern oder Handlungsbereitschaften. Der Unterschied besteht im Ausgangspunkt der Betrachtung; er liegt entweder bei den „normalerweise“ zu erwartenden Dimensionen oder bei den Dimensionen „gestörter“ Persönlichkeiten.

Frage 10

Welche Befunde hat die kriminologische Forschung zum Einfluss der Persönlichkeit erbracht? Welche Ausprägungen korrelieren mit Kriminalität? Was bedeuten die Befunde für die kriminologische Erklärung? ★★★

Zur Bedeutung einzelner Persönlichkeitsdimensionen für kriminelles Handeln gibt es eine Vielzahl kriminalpsychologischer und forensisch-psychiatrischer Untersuchungen. Zentrales Ergebnis ist, dass es „die“ kriminelle Persönlichkeit, die bestimmte Eigenschaften aufweist und infolgedessen Straftaten begeht, nicht gibt. Zwar lässt sich feststellen, dass sich straffällige und nicht straffällige Personen in einer Reihe von Merkmalen unterscheiden. Hierzu gehören etwa geringe Intelligenz, Hyperaktivität, Aufmerksamkeitsprobleme, ein hohes Maß an Impulsivität und geringes Einfühlungsvermögen (Empathie). Kriminelles Handeln lässt sich mit diesen Ausprägungen jedoch nicht erklären. Angezeigt werden hiermit lediglich einzelne Risikofaktoren, die nicht schon für sich genommen, sondern erst im Zusammenwirken mit anderen Faktoren die Wahrscheinlichkeit kriminellen Handelns erhöhen. Zusätzlich müssen deshalb die soziale Umwelt sowie die Prozesse, in denen die personalen mit den sozialen Risikofaktoren zusammenwirken (etwa die Erziehung oder die Sozialisation), in den Blick genommen werden.

Schneider, H.J., Die kriminelle Persönlichkeit. Eigenschafts- versus Prozess-Modell, in: Dölling u.a. (Hrsg.), Verbrechen, Strafe, Resozialisierung. Festschrift für Schöch, 2010, S. 145.

Frage 11

Recherchieren Sie zum Stanford Prison Experiment: Worum ging es? Was war das Ergebnis? Was bedeutet das Ergebnis für die kriminologische Erklärung strafbaren Handelns? ★★

Beim 1971 an der Stanford University durchgeführten Stanford Prison Experiment wurden 21 Studenten ausgewählt und nach Zufallskriterien in zwei Gruppen eingeteilt: eine Gruppe wurde als „Gefangene“ in den zu einem „Gefängnis“ umgestalteten Laborräumen der Universität „inhaftiert“, die andere Gruppe wurde als „Wärter“ mit Gummiknüppeln und Sonnenbrillen ausgestattet und mit der Beaufsichtigung der „Gefangenen“ betraut. Die „Wärter“ kamen ihrer Aufgabe mit großer Konsequenz und Härte nach; sie demütigten die „Gefangenen“ und entwickelten Bestrafungsmechanismen, um ihre Position zu unterstreichen. Es kam zu Aufständen der „Gefangenen“ und einer Eskalation der Konflikte, so dass das ursprünglich auf zwei Wochen angelegte Experiment bereits nach 6 Tagen abgebrochen werden musste. >>>

Das Stanford Prison Experiment zeigt, dass unter entsprechenden Umweltbedingungen, nämlich unter dem Einfluss spezifischer situativer Zwänge und Rollenzuweisungen, auch solche Menschen mit hoher Aggressivität reagieren können, die in ihren Persönlichkeitsdimensionen als unauffällig und „normal durchschnittlich“ anzusehen sind. In der gegebenen Situation („Gefängnis“) erwiesen sich die Persönlichkeitsprofile der „Wärter“ nicht als Indikatoren, die das tatsächliche Verhalten hätten voraussagen oder einschränken können. Das Experiment stellt damit zwar die kriminologische Relevanz personaler Risikofaktoren nicht in Frage, aber es weist darauf hin, dass es auf sie nicht allein ankommt: In bestimmten Situationen können auch „normal durchschnittliche“ Menschen antisoziales und aggressives Verhalten bis hin zu direkter Gewalt an den Tag legen, ein Befund, der nicht nur allgemein auf die “Kriminalität der Normalen“ verweist, sondern der im Nachhinein vielleicht sogar auch das menschenverachtende Handeln vieler Durchschnittsbürger während der Nazizeit besser verstehen lässt. Für die Kriminologie stellt sich nach dem Stanford Prison Experiment die Frage, wie die situativen Bedingungen beschaffen sein müssen, unter denen auch unauffällig und angepasste Menschen Straftaten begehen. Eine Antwort hierauf liefert der „routine activity approach“.

Walter, M., Über Machtstrukturen, aus denen Kriminalität entsteht – Folgerungen aus dem „Stanford-Prison-Experiment“ für Kriminologie und Kriminalpolitik, in: Neubacher/Walter (Hrsg.), Sozialpsychologische Experimente in der Kriminologie, 2002, S. 93.

Frage 12

An welchen Punkten trägt das Strafrecht den Besonderheiten der Persönlichkeit Rechnung? ★

Sämtliche Besonderheiten können und müssen vom Gericht bei der Bestimmung der Rechtsfolgen der Tat, insbesondere bei der Strafzumessung (§ 46 StGB) berücksichtigt werden (→ Frage 4). Dabei geht das Gericht davon aus, dass die Schuldfähigkeit des Angeklagten (also die Fähigkeit, das Unrecht des eigenen Handelns zu erkennen und sich entsprechend zu verhalten) durch die betreffenden Umstände nicht wesentlich eingeschränkt wird. Wenn und soweit das Gericht jedoch feststellt, dass die Ausprägungen einen Grad erreichen, der die Schuldfähigkeit erheblich vermindert oder sogar ganz ausschließt (z.B. weil im forensischen Sinn eine Persönlichkeitsstörung vorliegt), kommen die Rechtsfolgen der §§ 20, 21 StGB in Betracht: Strafrahmenmilderung oder Ausschluss von Strafe, ggf. Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus (§ 63 StGB).

Frage 13

Recherchieren Sie: Was verbindet sich mit der Bezeichnung „Chicago Schule“? Welche in der Kriminologie bekannten Arbeiten sind der „Chicago Schule“ zuzurechnen? ★

Der Begriff „Chicago Schule“ bezieht sich auf das Institut für Anthropologie und Soziologie der University of Chicago, an dem in den 1920er und 1930er Jahren eine Vielzahl von Forschungsarbeiten entstand, die die Entwicklung der Soziologie im Allgemeinen und der Kriminologie im Besonderen maßgeblich beeinflussten. Im Mittelpunkt standen Forschungsarbeiten zur Bedeutung der sozialen Strukturen und des Einflusses der städtebaulichen Umgebung auf das menschliche Verhalten. Das Forschungsfeld war die Stadt Chicago; untersucht wurden Wohngegenden, Arbeitsstätten, Vergnügungsstätten, Tanzsäle, Clubs. Ausgewertet wurde das gesamte verfügbare statistische Material; gearbeitet wurde aber auch mit Feldstudien, insbesondere mit (teilnehmender) Beobachtung und Einzelfallanalysen, aus denen verallgemeinernde Schlussfolgerungen abgeleitet wurden.

Wichtige, auch für die Kriminologie relevante Forschungsarbeiten aus dieser Zeit sind

Frage 14

Was bedeutet der Begriff der „sozialen Desorganisation“? Welche Kriminalitätsformen lassen sich mit sozialer Desorganisation erklären? ★★

Der Begriff der „sozialen Desorganisation“ geht auf die Untersuchungen von Shaw (1929) und Shaw/McKay (1942) zurück. Sie stellten fest, dass die Wohnsitze von Straftätern über das Stadtgebiet von Chicago nicht gleich verteilt waren, sondern sich vor allem in solchen Gebieten konzentrierten, die durch einen geringen sozio-ökonomischen Status ihrer Bewohner, ein hohes Maß an Zu- und Abwanderung sowie einen hohen Anteil an Migranten mit heterogenen Wertvorstellungen gekennzeichnet waren. Shaw/McKay erklärten ihre Beobachtung damit, dass in diesen Stadtteilen die informelle Kontrolle fehle, die in anderen Stadtteilen von der Familie, den Kirchen, Jugendzentren und anderen, konventionellen Kontrollinstanzen ausgeübt werde; in den kriminalitätsbelasteten Gebieten („delinquency areas“) bestehe ein Zustand der sozialen Desintegration und Desorganisation. Auch in diesen „delinquency areas“ sei jedoch der Wunsch nach gesellschaftlicher Anerkennung und Erfolg groß, wobei die Begehung von Straftaten hier ein keineswegs unüblicher Weg sei, um diese Ziele zu erreichen; die hierfür notwendigen Einstellungen und Verhaltensweisen würden von den Jugendlichen im Rahmen ihres Aufwachsens gelernt und jeweils an die nächste Generation weitergegeben. Bei den Straftaten gehe es in erster Linie um den Erwerb von Statussymbolen; am häufigsten würden deshalb Eigentumsdelikte begangen. – Mit dem zuletzt genannten Gedanken greifen Shaw/McKay Überlegungen der Anomietheorie auf (→ Frage 16).

Shaw, Delinquency Areas, 1929, S. 204 ff.; Shaw/McKay, Juvenile Delinquency and Urban Areas, 1942, S. 186 f., 315 ff.

Frage 15

Wie erklärt der “broken windows”-Ansatz die Entstehung von Kriminalität? Wie beurteilen Sie die kriminalpolitischen Konsequenzen dieses Ansatzes? ★★

Der auf Wilson/Kelling zurückgehende Ansatz erklärt Kriminalität als Ergebnis eines Wechselwirkungsprozesses zwischen den „anständigen“, die soziale Kontrolle in einem Stadtgebiet ausübenden Bürgern und den sich in diesem Gebiet auffällig und ungemessen verhaltenden, durch bauliche Verfallserscheinungen angelockten „Besuchern“. Städtebaulicher Verfall, der sich beispielhaft in zerbrochenen Fensterscheiben ausdrückt (daher der Name „broken windows“), lockt Personen an, für die gerade das Fehlen sozialer Kontrolle attraktiv ist. Diese Personen legen Verhaltensweisen an den Tag, die für die angestammten Bewohner in dem Stadtgebiet unangenehm sind und bedrohlich wirken (z.B. aggressives Betteln, öffentlicher Drogenkonsum, Prostitution) und die deshalb zum Rückzug der „anständigen“ Bürger aus dem Gebiet führen. Die Folge ist das weitere Nachlassen der sozialen Kontrolle in diesem Gebiet, womit die Wahrscheinlichkeit wächst, dass es dort vermehrt zu abweichendem Verhalten und Kriminalität kommt. >>>

Kriminalpolitisch folgt aus dem Ansatz, dass schon den ersten Anzeichen von städtebaulichem Verfall (z.B. zerbrochene Fensterscheiben, Graffiti-Schmierereien) entgegengewirkt werden muss, ebenso unangemessenen, prä-kriminellen Formen abweichenden Verhaltens (z.B. Betteln, öffentlicher Drogenkonsum, Prostitution), um den sich anbahnenden Verstärkerkreislauf frühzeitig zu durchbrechen. Im Ergebnis mag dies zu einem Zurückdrängen von Kriminalität führen. Die durch den „broken windows“-Ansatz nahegelegten Interventionen sind dennoch, soweit sie sich nicht gegen eindeutig strafnormverletzendes Verhalten richten, nicht unproblematisch: Auch die sich im öffentlichen Raum auffällig und abweichend verhaltenden Personen, bei denen es sich typischerweise um junge, aber auch um arme, alte, obdachlose und abhängige Menschen handelt, gehören zur Gesellschaft und haben einen Anspruch auf Teilhabe. Das Ziel darf nicht ihre Verdrängung sein, vielmehr muss zwischen den unterschiedlichen Bedürfnislagen und Interessen ein Ausgleich gesucht werden, der sich auch mit den Ursachen für die Randständigkeit befasst.

Wilson/Kelling, Polizei und Nachbarschaftssicherheit: Zerbrochene Fenster, KrimJ 1996, S. 121.

Frage 16

Recherchieren Sie: Wo lebte Robert K. Merton und wie alt war er, als er die Anomietheorie entwickelte? ★

Robert K. Merton, 1910 – 2003, Professor für Soziologie an der Columbia University in New York, entwickelte die Anomietheorie in dem Aufsatz „Social Structure and Anomie“, der im American Sociological Review von 1938, S. 672, veröffentlicht wurde. Merton war zu diesem Zeitpunkt 28 Jahre alt.

Frage 17

Inwiefern knüpft die „allgemeine Drucktheorie“ von Robert Agnew an Mertons Anomietheorie an? ★★

Nach Mertons Anomietheorie ist Kriminalität eine Folge des Drucks, der dadurch entsteht, dass sich in einer Gesellschaft die von allen geteilten kulturellen Ziele (z.B. Wohlstand, Prestige, hoher sozialer Status; bezogen auf die USA: der „American Dream“) nicht mit den rechtlich zulässigen und moralisch gebilligten Mitteln (insbesondere mit dem Einsatz der Arbeitskraft) erreichen lassen. Nach Merton ist Konformität die am weitesten verbreitete Reaktion; man versucht, die Ziele mit legalen Mitteln zu erreichen. Die Ziele lassen sich in vielen Fällen aber auch mit illegalen Mitteln erreichen, z.B. mit Diebstahl, Betrug oder Bestechlichkeit. Noch andere Reaktionsformen sind die Suche nach neuen Wegen (Innovation), der Rückzug oder die Rebellion. Wovon es abhängt, welcher Weg gewählt wird, lässt Merton weitgehend offen. >>>

Die allgemeine Drucktheorie von Robert Agnew führt weitere kriminologisch relevante Drucksituationen ein und beschreibt den Mechanismus, der die Wahrscheinlichkeit kriminellen Handelns erhöht. Druck geht nach Agnew nicht nur davon aus, dass positiv besetzte Ziele nicht erreicht werden (z.B. Wohlstand versagt bleibt). Druck kann sich auch daraus ergeben, dass positive Anreize entzogen werden (z.B. durch Trennung, Tod, Umzug) oder dass negativ besetzte Reize wirksam sind (z.B. Konflikte mit Eltern, Partnern oder Freunden; Viktimisierungserfahrungen). Wichtig ist dabei, dass es weniger auf die objektive Deutung bestimmter Umstände als Belastung ankommt als auf die subjektive Wahrnehmung und Bewertung; Druck geht nur von solchen Umständen aus, die auch als belastend empfunden werden. Maßgeblich für die Reaktion sind nach Agnew die negativen Emotionen, die durch den Druck erzeugt werden, z.B. Enttäuschung, Bedrücktheit oder Angst. Aus kriminologischer Sicht die größte Bedeutung kommt indes dem Ärger (anger) zu: aus ihm ergibt sich das Bedürfnis nach Ausgleich und Vergeltung, was mit hoher Wahrscheinlichkeit mit kriminellen Handlungen einhergeht. Kriminelle Handlungen dienen mit anderen Worten dem Ausagieren der durch den Druck erzeugten negativen Emotionen.

Agnew, Foundation for a General Strain Theory of Crime and Delinquency, Criminology 1992, S. 47.

Frage 18

Nach vielen Untersuchungen besteht ein Zusammenhang zwischen Armut und Kriminalität. Welche kriminalitätstheoretischen Überlegungen können zur Erklärung herangezogen werden? ★★★

Der Begriff der „Armut“ bezeichnet eine Mangellage, bei der die Befriedigung der Grundbedürfnisse wie Kleidung, Nahrung, Wohnung, Gesundheit, Bildung nicht gewährleistet ist. Kriminologisch relevant ist nicht nur die „absolute Armut“, bei der einem Menschen das wirtschaftliche Existenzminimum fehlt, das für die Führung eines menschenwürdigen Lebens notwendig ist (vgl. § 1 Abs. 1 SGB II), sondern auch die „relative Armut“. Als „relative Armut“ wird der Zustand bezeichnet, bei dem einem Menschen weniger als anderen zur Verfügung steht; „relative Armut“ vergleicht die Situation des Einzelnen mit dem allgemeinen Wohlstandsniveau in der Gesellschaft. Soweit es die materiellen Ressourcen betrifft (Einkommensarmut), gelten in Deutschland als (relativ) „arm“ diejenigen, denen weniger als 60 % des Nettodurchschnittseinkommens zur Verfügung steht. >>>

Den Zusammenhang zwischen Armut und Kriminalität kann man anomietheoretisch erklären; Kriminalität lässt sich als Folge des Drucks verstehen, der sich für den Einzelnen aus dem Auseinanderfallen von kulturellen Zielen (z.B. der Anerkennung im sozialen Umfeld und der Verwirklichung eines auch durch materielle Werte geprägten Lebensgefühls) und den hierfür zur Verfügung stehenden materiellen Ressourcen (den institutionalisierten Mitteln) ergibt. Warum auf den Druck gerade mit Kriminalität und nicht mit anderen, legalen Anpassungsformen reagiert wird, ist damit noch nicht erklärt, und zwar auch dann nicht, wenn man die durch Druck erzeugten negativen Emotionen in den Blick nimmt: Wie Armut wirkt, lässt sich nicht generell, sondern nur unter Bezugnahme auf individualisierende Umstände klären. Für die kriminologische Erklärung spielen deshalb auch die Sozialisationsprozesse eine Rolle, die sowohl die Wertvorstellungen des Einzelnen als auch seine Fähigkeiten zum Umgang mit dem Druck prägen. Wenn und soweit die Einkommensarmut mit weiteren Belastungen einhergeht, die den Erwerb eines realistischen Selbstbilds und der Kompetenzen erschweren, die für das Erreichen der individuellen Ziele mit legalen Mitteln notwendig sind, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit dafür, dass auf illegale Mittel zurückgegriffen wird. Letztlich dürfte es also vor allem die in vielen Fällen mit der Armut einhergehende Anhäufung von Schwierigkeiten und Problemen sein, die darüber entscheidet, ob der Einzelne auf den anomischen Druck mit legalen oder mit illegalen Mitteln reagiert.

Meier, B.-D., „Neue Armut“ und die Entwicklung der Jugendkriminalität – besteht ein Zusammenhang?, in: H.-J. Albrecht u.a. (Hrsg.), Internationale Perspektiven in Kriminologie und Strafrecht. Festschrift für Günther Kaiser, 1998, S. 1069.

Frage 19

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