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Wenn der Hörsaal zum Gerichtssaal wird: Vorlesung Strafprozessrecht I mit neuem, interaktivem Lehrkonzept

Wenn der Hörsaal zum Gerichtssaal wird: Vorlesung Strafprozessrecht I mit neuem, interaktivem Lehrkonzept

© KI-generiert

Ein semesterbegleitendes Prozessspielkonzept hat in der Vorlesung Strafprozessrecht I von Prof. Dr. Tobias Kulhanek im Wintersemester 2025/2026 neue Wege in der strafprozessualen Grundausbildung eingeschlagen. Auf diese Weise konnten die Studierenden nicht nur die notwendige Theorie anschaulicher erlernen, sondern ihr erworbenes Wissen auch unmittelbar anwenden und die Dynamik strafrechtlicher Verfahren hautnah erleben.

Vom polizeilichen Notruf bis zum Abschluss des Ermittlungsverfahrens

Als roter Faden der Vorlesung diente ein fiktiver Fall: Die Studierenden erhielten einen Notruf, bei dem von einem mutmaßlichen Messerangriff in Hannover die Rede war – zwei Beschuldigte, ein verletzter Geschädigter, dem unter Vorhalt einer Schusswaffe das Wort „Ratte" in den Unterarm geritzt worden war.

Die Ermittlungen liefen unverzüglich an und die Studierenden konnten deren Fortgang sowie das Entstehen der staatsanwaltschaftlichen Ermittlungsakte Woche für Woche im Hörsaal miterleben. Parallel wurden nicht nur gleichsam spielerisch die gesetzlichen Normen und notwendigen Definitionen (Vernehmungsbegriff, Zeugnisverweigerungsrechte, Beschuldigtenstellung, Richtervorbehalt, Gefahr im Verzug, Haftgründe, notwendige Verteidigung u.v.m.) erlernt, sondern es schwang stets auch die Praxissicht mit: Was macht eine gute Ermittlungsarbeit aus? Welche Beweise sind wie zu sichern? Wie werden Personen zielgerichtet vernommen? In welchen Schritten schreitet das Strafverfahren voran und wer ist wann für welche Entscheidungen zuständig? Dabei kam es auch zu Videokonferenzen mit einer realen Staatsanwältin zur Klärung der Durchsuchungs- und Haftfrage sowie mit einem Fachanwalt für Strafrecht, um zu erörtern, wie er nach Erhalt der Anklageschrift die Angeklagte des Prozessspiels beraten würde.

Rollenwechsel in der Hauptverhandlung

Höhepunkt war sodann die Simulation der Hauptverhandlung als Kernstück des Strafprozesses an zwei Verhandlungstagen. Die Studierenden als großes Auditorium wechselten final vom lernenden Zuhören zum aktiven Gestalten und übernahmen alle tragenden juristischen Prozessrollen: Staatsanwaltschaft, Gericht, Verteidigung der beiden Angeklagten und Vertretung der Nebenklage. Sie mussten vorab die im Semesterverlauf entstandene Akte prüfen, Fragen stellen, Vorhalte machen und mitunter gegenseitig argumentieren, warum nun eine gestellte Frage zulässig oder als unzulässig zu beanstanden sei. Wissenschaftliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter traten als Angeklagte und Zeugen auf, was in schöner Weise die Zusammengehörigkeit und Offenheit des gesamten Kriminalwissenschaftlichen Instituts für innovative Lehrkonzepte betonte. Geleitet wurde „die Sitzung“ von Professor Kulhanek als Vorsitzendem Richter, dessen langjährige Erfahrung als Richter am Landgericht eine authentische Verhandlungsatmosphäre schuf. So konnten Prozessdynamik erfahren, Verfahrensstrategien erprobt und die Wirkung bestimmter Fragen unmittelbar beobachtet werden.

Analyse und statistische Auswertung des Prozessspiels

Hervorzuheben ist ferner die wissenschaftliche Reflexion der stattgefundenen Prozessdynamik: Nach Abschluss jeder Vernehmung hielten die Studierenden in kurzen Fragebögen fest, ob und warum sich ihre vorläufige Bewertung verändert hat. So wurde sichtbar, wie individuelle Meinungsbildung im Verlauf einer Beweisaufnahme entsteht, sich gegebenenfalls verschiebt und welche Faktoren Überzeugungen möglicherweise beeinflussen.

Die Abschlussveranstaltung bot sodann eine eingehende Analyse des Prozessspiels, in der nicht nur die statistischen Erkenntnisse aus den Fragebögen vorgestellt, sondern auch in der Diskussion mit den Studierenden vertieft wurden. Als Gast konnte hier zusätzlich VRiLG Dr. Markus Bader begrüßt werden, der als Vorsitzender eines Schwurgerichts weitere spannende Einblicke in die praktische Tätigkeit geben sowie weiterführende Diskussionsbeiträge zur Analyse des Prozessspiels liefern konnte. Die Studierenden nutzten die Gelegenheit, ihre eigenen Strategien, Entscheidungsmomente und Lernprozesse kritisch zu beleuchten und mit der gerichtlichen Praxis abzugleichen, in hervorragender Weise.

Ausblick

Aufgrund des großen Interesses und des ausgesprochen positiven Feedbacks in der Lehrevaluation wird Strafprozessrecht I im kommenden Wintersemester erneut mit dieser Konzeption angeboten.

Verfasst von LT