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Bericht vom Workshop „Kulturgüterschutz im System der Vereinten Nationen“

Vom 8. bis 10. September luden die AG Junge UN-Forschung in der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen e.V. und der Lehrstuhl für Öffentliches Recht, Völker- und Europarecht für das Institut für Internationales Recht, zu einem dreitägigen internationalen wissenschaftlichen Workshop in das Welfenschloss der Leibniz Universität. Der Workshop sollte junge Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen aus den Bereichen Völkerrecht, Kultur-, Politik- und Sozialwissenschaften mit Praktikern aus den Bereichen des divergierenden Kulturgüterschutzes unter dem Schirm der Vereinten Nationen zusammenbringen. Ziel war es, einen effektiven Dialog und gegenseitigen Austausch von Wissen und Erfahrungen zu ermöglichen. Hier sollte im Rahmen von Expertenvorträgen, Vorstellungen von Konferenzpapieren sowie Diskussionen das gegenwärtige Konzept des bestehenden Kulturgüterschutzes kritisch untersucht und weiterentwickelt werden. In drei intensiven Tagen voller anregender Diskussionen und höchst interessanter Vorträge diskutierten ca. 25 junge Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen aus den Bereichen Internationale Beziehungen, Sozialwissenschaften, Rechtswissenschaften aber auch Archäologie und Anthropologie mit erfahrenen Experten und Expertinnen aus der Praxis über Kulturgüterschutz und Kulturgüterzerstörung im System der Vereinten Nationen. Gekommen waren Teilnehmer aus der Schweiz, Österreich, Frankreich, Italien und Deutschland.

Nach der Eröffnung der Veranstaltung durch die Herren Professoren Dr. Volker Epping und Dr. Claas Friedrich Germelmann sowie durch den Organisator Herrn Vincent Widdig, begann Oberst Dr. Michael Pesendorfer, Verteidigungsattaché an der Österreichischen Botschaft in Sarajevo, mit einem Bericht über die praktische Bedeutung des Schutzes von Kulturgütern aus der Perspektive der „Peace Supporting Forces“ in Bosnien und Herzegowina sowie anderen Balkanstaaten.

Wissenschaftlich begann der Workshop mit Vorträgen zum Schutz von Kulturgütern durch die Vereinten Nationen und ihren Unterorganisationen selbst sowie allgemeinen Fragen zukünftigen kulturellen Erbes der Menschheit. Neben Fragen des institutionellen Kulturgüterschutzes wie des Mandates und Tätigkeit des UN-Sonderberichterstatters über kulturelle Rechte oder das Listensystem des UNESCO, wurde intensiv über die spannende Frage der Erhaltung und des Zugangs zu digital- kulturellem Erbe der Menschheit diskutiert und seine Implikationen auf aktuelle Konflikte und die Bewahrung kultureller Identitäten.

Highlight des Workshops war sicherlich das Expert*innen-Panel und ihre äußerst wertvollen Berichte über den Kulturgüterschutz in der Praxis. Hier berichtete Prof. Dr. Markus Hilgert, Direktor des Vorderasiatischen Museums Berlin und Präsident von Blueshield Germany über den illegalen Transfer mit Kulturgütern im Irak im Rahmen des Forschungsprogramms ILLICID sowie über Fragen des „capacity buildings“ vor Ort und seine Bedeutung für den nachhaltigen Kulturgüterschutz. Herr Dr. Markus Swittalek, Kulturgüterschutzoffizier an der Landesverteidigungsakademie in Wien, berichtete über das österreichische Konzept demilitärischen Kulturgüterschutzes und erläuterte die Verzahnung von Blue Helmet und Blue Shield – dem Schutz von Kulturgütern während bewaffneter Konflikte und internationaler Friedensunterstützungsmissionen. Als dritte Perspektive referierte Frau Dr. Mara Wantuch-Thole aus anwaltlicher Sicht über die rechtsübergreifende Einklagbarkeit von Ansprüchen an illegal transferierten Kulturgütern und über das neue deutsche Kulturgüterschutzgesetz. Insbesondere letzteres gab Anlass zu hitzigen Diskussionen und zeigte auf, dass auch auf nationaler Ebene die Frage des Kulturgüterschutzes noch weit von einer zufriedenstellenden Regelung entfernt ist.

Abgeschlossen wurde der Workshop durch mehrere Panels zur Frage des Kulturgüterschutzes in bewaffneten Konflikten, des Kulturgüterschutzes in „Post-Conflict“-Situationen sowie der aktuell wichtigen Frage des Umgangs mit der Kulturgüterzerstörung durch nationalen und internationalen Terrorismus. Untersucht wurde hier nicht nur die Rolle der Vereinten Nationen selbst, etwa über den Sicherheitsrat oder die UNESCO sondern auch die Rolle bi- und multilateraler Koalitionen und der internationalen Gemeinschaft. Insbesondere die Frage der Auslöschung kultureller Identitäten als Methode der Kriegsführung sowohl durch staatliche als auch durch nicht-staatliche Akteure wurde intensiv diskutiert. Dies auch vor dem Hintergrund der steigenden Digitalisierung von Kulturgütern. Ein spannender Bericht über die „Blue Helmets of Culture“ einer italienischen Initiative im Rahmen der globalen UNESO Koalition „United#Heritage“ gab ebenso Anlass zu Debatten wie die Frage der praktischen Inkorporation des internationalen Kulturgüterschutzes in die militärischen Handbücher der an neuen Konflikten beteiligten Staaten.

Die gewünschte Verzahnung von junger Wissenschaft und gestandenen Experten aus der Praxis als explizites Ziel der Veranstaltung und ihre Interdisziplinarität trugen somit nachhaltig zu ihrem Erfolg bei. Eine Folgeveranstaltung im nächsten Jahr ist bereits angedacht. Die Ergebnisse des Workshops können dank der Unterstützung der Fakultät in dem erscheinenden Tagungsband nachgelesen werden.