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Erfahrungsbericht über das Gruppenpraktikum in der Nds. Landesverwaltung

Als Student der Rechtswissenschaften absolvierte ich im Zeitraum vom 03.09.2018 bis zum 28.09.2018 ein einmonatiges Gruppenpraktikum in der Niedersächsischen Landesverwaltung. Während meines Praktikums wurde ich von der koordinierenden Mitarbeiterin des Niedersächsischen Innenministeriums Frau Doll gebeten einen Erfahrungsbericht zu schreiben. Dieser Bitte folgend möchte ich im Folgenden Studierenden, die sich für ein Gruppenpraktikum interessieren, Wesentliches mitgeben.

Bewerbungsverfahren

Im Mai 2018 musste man sich bereits online um einen Praktikumsplatz auf dem Karriereportal des Landes Niedersachsen bewerben. Die Bewerbung umfasste dabei ein Anschreiben inkl. Bewerbungsunterlagen. Eine Bestätigung bekam ich kurzfristig ca. einen Monat vor Praktikumsbeginn. Der Hinweis, dass die Bewerbungen die Anzahl der verfügbaren Plätze übersteigen, war mir über die Internetseite unserer juristischen Fakultät bekannt. Jedes Jahr wird auf der Seite der juristischen Fakultät dieses Gruppenpraktikum mit entsprechenden Links wie z.B. der provisorische Ablaufplan des Praktikums bekanntgegeben.

Über den Ablaufplan erfährt man, welche Behörden und Ministerien besucht werden, die Uhrzeiten der Veranstaltungen und teilweise worüber möglicherweise referiert wird. Diese Informationen waren für mich die ausschlaggebenden Gründe mich zu bewerben. Es ist für einen Jurastudierenden nämlich erheblich von Vorteil im Voraus zu wissen, wie die Semesterferien wegen eventueller Hausarbeiten, Nebenjobs, dem Repetitorium oder anderen außerstudentischen Pflichten zu organisieren sind. Zudem konnte man sich, falls Interesse vorhanden, für die einzelnen Themengebiete vorbereiten, um später Fragen direkt an die zuständigen Personen stellen zu können.

Weitere Erwartungen durch dieses Praktikum meinerseits waren insbesondere einen breiten Überblick über die Landesverwaltung durch die verschiedenen Stationen zu bekommen, die praktische Relevanz der Juristerei aus der Verwaltungsperspektive kennenzulernen und als angehender Jurist meine bisherigen Erfahrungen zu erweitern.

Hervorzuhebendes - Was war gut?

Bevor wir zu der interessanten Frage kommen, ob sich die Erwartungen bestätigt haben, möchte ich einiges aus den vier Wochen positiv hervorheben. Sowohl im Landesamt für Steuern als auch im Niedersächsischen Ministerium für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung haben wir gute praktische Aufgaben bekommen, die wir allein oder in der Gruppe zu bearbeiten hatten. Die gewählten Themen waren sehr interessant und auch lösbar. Beim Landesamt für Steuern waren die Aufgaben selbstverständlich steuerrechtlicher Natur, was man im Studium wenig behandelt. Doch mit soliden Verwaltungsrecht AT-Kenntnissen konnte man sich gut zurechtfinden. Schmackhaft wurde uns von den Rednern auch die Traineeausbildung gemacht, wo man u.a. von der Bundesfinanzakademie in Führungs- und Kommunikationskompetenzen ausgebildet wird. Mit besonderem Enthusiasmus und Engagement haben wir uns an die Aufgabenstellung des Ministeriums für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung gemacht. Dort sollten wir das geltende Niedersächsische Bestattungsgesetz so ändern und ergänzen, dass die Aufbewahrung der Urne samt Asche eines verstorbenen Angehörigen in der eigenen Wohnung rechtlich ermöglicht wird. Die Gesetzgeberrolle hat allen Gruppenteilnehmern großen Spaß bereitet. Anschließend haben wir unsere Leitmotive und Probleme bei unseren Entscheidungen vor der Runde erläutert und zusammen diskutiert.

Generell kann man sagen, dass ein Klima der offenen Kommunikation geherrscht hat, sodass kritische Fragen auch gut aufgenommen und meist befriedigend beantwortet wurden. Da meistens die Redner Juristen waren, bekamen wir Inspirierendes von Ihren Lebensläufen mit. Einige Male gab es auch ganz coole, authentische und unterhaltsame RednerInnen wie die Staatssekretärin Frau Pörksen.

Kritik - Was war nicht so gut?

Der Ehrlichkeit geschuldet möchte ich auch erwähnen, wo die Nachteile der Arbeit in der Verwaltung für den einen oder anderen liegen können.

Als Jurist wird man als Führungskraft im höheren Dienst der Verwaltung tätig. Allerdings bleibt die Arbeit, die man dort machen kann oder eben machen muss, stark abhängig von der politischen Agenda, der Priorisierung und den politischen Ansichten der jeweiligen Landesregierung. Manchmal hängt sogar die Weiterbeschäftigung in der Position bspw. als Referatsleiter in der Staatskanzlei oder als Staatssekretär von der nächsten Wahl ab.

Gerade in stark politisch geprägten Institutionen konnte man die politische Dominanz sogar als Praktikant spüren. Wenn die Aussage „Leute gegen TTIP hätten von den Inhalten des Abkommens keine Ahnung“ von einer Rednerin in der Staatskanzlei während des Vortrags in einem juristischen Praktikum ausgesprochen wird oder ein AfD-Abgeordneter während unseres Besuchs im Landtag die Separation von Kindern in der Schule als Lösung für viele Probleme erklärt, muss man erstmal ein dickes Fell an den Tag legen. Zudem muss man sich für die blanke Präsentation von Organigrammen begeistern können, da es hin und wieder bei einigen Rednern Tagesprogramm sein kann.

Ein großer organisatorischer Kritikpunkt ist das Handhaben von krankheitsbedingten Fehltagen. Das Nachholen dieser Fehltage ist schlecht geregelt, da dies i.d.R. erst im nächsten Jahr, wenn wieder das Gruppenpraktikum angeboten wird, möglich ist. In meinem Fall konnten wir das mit einer Zusatzleistung und einer zusätzlichen Teilnahme im November regeln.

Fazit

Das Gruppenpraktikum ist kein Praktikum wie bei einem Anwalt oder wie in einigen Gerichten, wo man reale Fälle vor sich hat und diese je nach Kenntnisstand selbst sogar bearbeiten kann. Man begleitet nicht die jeweiligen Juristen im Arbeitsalltag und erhält somit keine Möglichkeit einen realen Arbeitstag zu erleben. Die praktischen Aufgaben, die im Landesamt für Steuern und im Ministerium für Soziales gestellt wurden, waren jedoch sehr gut. Doch sie sind nur aus der Realität entnommen, aber immer noch simulativ und eher wie schön dort gesagt wurde „die Theorie für die Praxis“.

Doch als ein klares Plus bleibt definitiv der breite Überblick über die Möglichkeiten, was nach dem 2. Staatsexamen für einen Juristen geboten wird. Entgegen vieler Klischees hab ich eben die Erkenntnis gewonnen nicht nur mit Bürokratie in der Verwaltung beschäftigt sein zu müssen. Das Erlernen von Schlüsselkompetenzen und währenddessen schon in der Laufbahngruppe des höheren Dienstes besoldet zu werden, ist für einen frischen Absolventen von höchster Attraktivität. Solch eine Gelegenheit zur Sammlung von Erfahrungen und gezielter Weiterbildung direkt nach dem 2. Staatsexamen würde man in der privaten Wirtschaft nur vergeblich suchen. Klar ist: Die öffentliche Hand braucht und schätzt Juristen.

Durch die Teilnahme an diesem Gruppenpraktikum bekam ich eine bewusstere Selbsteinschätzung meiner Juristenausbildung und dies motiviert mich für meine kommende Examensvorbereitung enorm.

Verfasst von Cihan Cevirme.

Weitere Informationen für interessierte Studierende

Alle Informationen rund um die Pflichtpraktika gemäß § 4 Abs. 1 Nr. 2 NJAG finden Sie hier.